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In Liebe lassen und die Palliativmedizin: "Hinter jeder Patientin und jedem Patienten steht ein Mensch"

Wie sagt man einem todkranken Menschen, dass er sterben wird – und wie gehen die Betroffenen damit um? Um diese Fragen dreht sich Emmanuelle Bercots Drama In Liebe lassen (Kinostart: 20. Januar). Wir haben mit der Palliativmedizinerin und Buchautorin Claudia Bausewein darüber gesprochen.

19. Januar 2022

Frau Prof. Dr. Bausewein, wie hat Ihnen der Film In Liebe lassen von Emmanuelle Bercot gefallen?

Ich war, ehrlich gesagt, fast ein wenig überrascht, wie sehr mich dieser Film bewegt hat. In berührender und behutsamer Weise werden wunderbare Bilder und Dialoge gefunden, die dem Film – bis auf wenige Szenen – eine hohe Realitätsnähe verleihen. So vieles könnte ich einfach nur unterstreichen. Gerade der Onkologe ist durch und durch Palliativmediziner und von einer umwerfenden Wahrhaftigkeit. Die schauspielerische Leistung ist wirklich beeindruckend.
Denn Dr. Eddé vermittelt den Respekt vor der Selbstbestimmung und der Würde des Patienten in jeder Situation, mitunter auch gegen den eigenen inneren Impuls, beispielsweise Menschen miteinander in Verbindung zu bringen. Dies treibt der Zuschauerin, die doch so gerne ein "Happy-End" hätte, durchaus die Tränen in die Augen, und vermittelt gleichzeitig auf großartige Weise, wie schwer es für Angehörige wie für Behandler:innen sein kann, den Wunsch der Patientin oder des Patienten absolut in den Mittelpunkt zu stellen.

Benôit Magimel als Benjamin © Studiocanal GmbH/ Laurent Champoussin

Benôit Magimel als Benjamin © Studiocanal GmbH/ Laurent Champoussin

In Liebe lassen handelt von dem 40-jährigen Schauspiellehrer Benjamin, der nach einer Krebsdiagnose noch etwa ein Jahr zu leben hat. Die Nachricht, dass er sterben muss, ist für Benjamin ein "Sturz aus der Normalität", wie Sie ihn gemeinsam mit Rainer Simader im Buch
"99 Fragen an den Tod" beschreiben. Würden Sie sich generell wünschen, dass in der Gesellschaft offener über den Tod gesprochen wird, um Menschen besser auf solche Situationen vorzubereiten?


Ja, unbedingt! Der Tod wird nach wie vor tabuisiert, Menschen fühlen sich nach einer schweren Diagnose oft wie vor den Kopf gestoßen. Sie können sehr einsam bleiben und auch so sterben, wenn es nicht gelingt, mit ihnen offen über die verbleibende Lebenszeit, aber eben auch über das Sterben, den Tod und die Trauer zu sprechen. Und auch darüber, was es für diesen Menschen, seine Familie und die Freundinnen und Freunde bedeuten kann, miteinander Zeit zu verbringen, gemeinsame Erlebnisse zu teilen, letzte Dinge zu klären, sich voneinander verabschieden zu können.

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Haben Sie den Eindruck, dass der Tod durch die Pandemie im gesellschaftlichen Diskurs anders diskutiert wird als vorher – oder ist schlichtweg die Angst vorm Sterben präsenter?

Beides. Am Anfang der Pandemie herrschte ein anderes Bewusstsein im Umgang mit dem Sterben und dem Tod. Mit der Dauer der Pandemie hat sich dies wieder geändert und es wurde im Grunde eine Chance vertan, sich bewusst mit dem Lebensende auseinanderzusetzen, vielmehr sind die Toten der Pandemie in den täglichen Statistiken verschwunden. Gleichzeitig kommt der Tod näher, da auch junge, vitale, gesunde Menschen davon betroffen sein können – diese Bedrohung löst einerseits Angst aus und andererseits eine Reihe von Abwehrmechanismen. Nur so ist die zum Teil hohe Naivität zu erklären: Menschen wollen es einfach nicht wahrhaben, dass auch sie gemeint sein könnten. Unser Verhältnis zum Tod ist hoch ambivalent.

Dr. Gabriel Sara als Dr. Eddé an Benjamins Seite © Studiocanal GmbH/ Laurent Champoussin

Dr. Gabriel Sara als Dr. Eddé an Benjamins Seite © Studiocanal GmbH/ Laurent Champoussin

Sie sind Direktorin der Klinik für Palliativmedizin der Universität München. Im Film wird der von ihnen schon erwähnte behandelnde Arzt Dr. Eddé durch einen Laien dargestellt, der auch im "echten Leben" als Onkologe tätig ist. Er trägt stets Krawatten, die etwas mit den jeweiligen Patient:innen zu tun haben. Es geht da um die Frage, wie man ein gutes Verhältnis zu Menschen aufbaut, denen man eröffnet, dass sie in absehbarer Zeit sterben. Wie gehen Sie in der Praxis mit dieser schwierigen Rolle um?

Die Krawatten von Dr. Eddé sind ein wunderbares Bild für das, was wir als "personenzentriert" bezeichnen: Unser Gegenüber steht absolut im Mittelpunkt. In Gesprächen, die diese Bezeichnung auch wirklich verdienen, geben wir ihm Raum für seine Bedürfnisse, seine Nöte, seine Wünsche und seine Ängste. Wir sind eher die Zuhörenden, die von Beginn an versuchen zu verstehen, was diesem Menschen wichtig ist.
Dabei darf man nicht vergessen, dass unser Gesundheitssystem in erster Linie auf die zu behandelnde Erkrankung ausgerichtet ist und sich manchmal schwer damit tut, Patient:innen hinter der Krankheit zu sehen. Und wir gehen noch einen Schritt weiter: "Hinter jeder Patientin und jedem Patienten steht auch ein Mensch." Diesen Menschen möchten wir kennenlernen. Nur so können wir ihn oder sie auch unterstützen.

Catherine Deneuve als seine Mutter Crystal steht Benjamin bei © Studiocanal GmbH/ Laurent Champoussin

Catherine Deneuve als seine Mutter Crystal steht Benjamin bei © Studiocanal GmbH/ Laurent Champoussin

Vom Tod einer Person durch schwere Krankheit sind wie im Film auch Freunde und Angehörige hart betroffen, im Film spielt Catherine Deneuve die Rolle von Benjamins Mutter. Diese Menschen sind somit wichtiger Teil des Prozesses, den Sie als Palliativmedizinerin aktiv begleiten, und benötigen ebenfalls Betreuung. Wo beginnt die Palliativmedizin und wo hört sie auf?

Die palliativmedizinische Versorgung sollte möglichst früh beginnen, idealerweise zum Zeitpunkt der Diagnose einer lebensbegrenzenden Erkrankung, wie es im Film sehr gut dargestellt ist: Es geht von Anfang an darum, dem Erkrankten Optionen der Therapie und Begleitung in verständlicher Sprache aufzuzeigen, um ihm eine gute Grundlage für seine Entscheidungen zu geben. Denn der Patient entscheidet, was er in Anspruch nehmen möchte und was nicht.
Gleichzeitig sind die Angehörigen und weitere nahestehende Menschen in den Blick zu nehmen. Deren ganzheitliche Begleitung hört nicht mit dem Tod des Erkrankten auf. An unserer Klinik schreiben wir den Angehörigen beispielsweise sechs Wochen nach dem Todestag eine persönliche Karte, laden sie ein halbes Jahr danach zu einer gemeinsamen Gedenkfeier ein. In der Hospiz- und Palliativversorgung gibt es viele unterschiedliche Angebote für trauernde Angehörige, auch wenn z.B. Trauercafes in Coronazeiten nicht wie gewohnt stattfinden können.
Doch ist es neben alledem besonders wichtig, dass Trauernde Halt und Unterstützung in ihrer unmittelbaren Umgebung finden. Da ist manchmal ein Topf Hühnerbrühe vor der Tür hilfreicher als ein nett gemeintes "Melde Dich, wenn Du etwas brauchst." Sich melden, das kann und möchte ein Trauernder nicht immer, deshalb versuchen Sie auf Ihre Weise für ihn da zu sein.

Special Event in 14 Kinos am Sonntag, 23. Januar 2022: Live-Podium zum Film In Liebe lassen mit Claudia Bausewein im Gespräch

Im eben angesprochenen Buch taucht die Frage auf, ob es angemessen sei, mit Sterbenden über andere Themen als über das Sterben zu sprechen. Die Frage wird im Buch bejaht. Im Film versöhnt sich Benjamin mit seinem früheren Leben. Worin können Menschen Trost finden, die wissen, dass sie nicht mehr lange zu leben haben?

Wenn sich die Hoffnung zu überleben oder noch sehr viel Zeit zu haben nicht mehr erfüllt, kann das eine große Trostlosigkeit zur Folge haben. Doch erleben wir häufig, dass sich im Verlauf einer Erkrankung die Inhalte von Trost, Zuversicht oder Hoffnung verändern. Tiefe Gespräche mit nahen Menschen, mit sich ins Reine zu kommen, letzte Dinge zu regeln, ein versöhnliches Lebensende, diese und viele weitere Bilder stehen für die Hoffnung, dass die Seele ihren Frieden findet.
Die wunderbare Umschreibung im Film, es ginge für Benjamin darum, "den Schreibtisch seines Lebens aufzuräumen", werde ich mir bestimmt gelegentlich ausleihen…

Cécile de France als Eugénie , die eine besondere Beziehung zu Benjamin entwickelt © Studiocanal GmbH/ Laurent Champoussin

Cécile de France als Eugénie , die eine besondere Beziehung zu Benjamin entwickelt © Studiocanal GmbH/ Laurent Champoussin

Natürlich erzählt Regisseurin Emmanuelle Bercot eine fiktionale Geschichte. Aber wie nah an der Wirklichkeit sind die Gesprächsrunden des Teams aus Ärzt:innen und Pfleger:innen im Film In Liebe lassen, in denen es um das Verhältnis zu den Patient:innen geht – und in denen auch zusammen musiziert wird, um die eigenen Emotionen zu kanalisieren?

Sicher wird Teamarbeit hier auf etwas außergewöhnliche Weise dargestellt, doch veranschaulicht diese Form sehr schön die Notwendigkeit der "Psychohygiene" für das Team. Jedes Team findet seine eigenen Wege des Austauschs, der Supervision, des Miteinanders, wichtig dabei ist nicht, ob dies im Rahmen einer Wanderung, eines Wochenendes in Klausur oder einer gemeinsamen Musikstunde stattfindet, sondern dass alle Beteiligten aus den unterschiedlichen Berufsgruppen – und das sind in der Palliativversorgung sehr viele – die Möglichkeit haben, ihre Gefühle und Unsicherheiten zum Ausdruck zu bringen, zu Wort zu kommen, gehört zu werden und sich unabhängig von Hierarchien und Verantwortlichkeiten miteinander austauschen.

Es ist nicht einfach, einen geliebten Menschen "loszulassen" … © Studiocanal GmbH/ Laurent Champoussin

Es ist nicht einfach, einen geliebten Menschen "loszulassen" … © Studiocanal GmbH/ Laurent Champoussin

Man sagt "Lieben heißt loslassen können". Birgt dieser Spruch für Sie als Palliativmedizinerin in Bezug auf Sterbebegleitung und Trauerarbeit eine tiefere Wahrheit?

Ja und nein. Ja, weil es natürlich unterm Strich um das schmerzlichste und intensivste Loslassen geht, dem sich ein Mensch ausgesetzt sieht. Und nein, weil der Begriff des "Loslassens" in sich trägt, dass es diesen einen Moment gibt, in dem es dann soweit ist und man loslässt, als ob man einen Schalter umlegt.
In Wahrheit aber ist es ein hochambivalenter Prozess, während dessen es Schritte nach vorn und auch zurück gibt, Momente, in denen man diesen Menschen halten und eben (noch) nicht loslassen möchte, das zeigt Catherine Deneuve als Mutter in einer Szene sehr eindrucksvoll.
Es ist ein Klassiker, dass Menschen nicht selten in diesem einen Augenblick sterben, in dem Angehörige kurz mal aus dem Zimmer gegangen sind. Dies scheint nicht unbedingt ein Zufall zu sein, manchmal hat ein Mensch erst in diesem Moment den Freiraum, nun das Leben und die ihn Liebenden loszulassen.

Benjamin ringt mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft … © Studiocanal GmbH/ Laurent Champoussin

Benjamin ringt mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft … © Studiocanal GmbH/ Laurent Champoussin

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Nun könnte ich Ihnen etwas Allgemeines darüber erzählen, dass selbstverständlich die Verstorbenen in uns und unseren Erinnerungen weiterleben, ja, diese Erfahrung teilen wir alle und das ist ein unglaublicher Trost. Doch möchte ich mich nicht herummogeln um Ihre Frage: Ich hoffe, dass es in irgendeiner Form weitergeht. Jedoch, wie es dann sein wird, das weiß ich nicht.


Dr. Prof. Claudia Bausewein ist Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin.
Hier finden Betroffene und Angehörige bundesweit Informationen und Kontakte zu über 3.000 Angeboten der Hospiz- und Palliativversorgung – und dies in neun Sprachen.

WF

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