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Kennen Sie den schon: Züchte Raben …

Carlos Saura schuf 1975 ein Meisterwerk über das Ende des Faschismus und die Unendlichkeit der Kindheit.

08. Juni 2026

Wer vom spanischen Kino spricht, in dem der Zerfall bürgerlicher Verhältnisse und die surrealistisch deformierte Wirklichkeit vom Ruin einer ganzen Gesellschaft zeugen, die nach dem Bürgerkrieg vierzig Jahre lang durch die Diktatur des Franquismus geprägt war, dem fällt meist als erstes der Name Luis Buñuel ein. Doch schon als nächsten bedeutenden Filmemacher, dessen Werke bis in die Mitte der 1970er Jahre im genannten Spektrum spielten, dürften viele Carlos Saura nennen.

Saura bezeichnete sich selbst stets als unpolitischen Menschen. Von ihm ist sogar die Aussage überliefert, dass er einen anderen Beruf gewählt hätte, wenn er sich hätte politisch engagieren wollen. Dennoch waren seine Filme einerseits der politischen Zensur Francos unterworfen, andererseits verschloss der aufmerksame Saura die Augen nicht vor den realen gesellschaftlichen Entwicklungen. Das Meisterwerk jener Jahre, in denen er die Auswirkungen der Politik auf das Seelenleben des Bürgertums filmisch unter die Lupe nahm, ist das Drama Züchte Raben … Der Titel ist einem Sprichwort entlehnt, das so weitergeht: "...und sie werden dir die Augen aushacken". Die Weisheit bezieht sich auf undankbare Menschen.

Sprung ins heiße Wasser © Studiocanal

Sprung ins heiße Wasser © Studiocanal

Oft sind damit Kinder gemeint – und so könnte man es auch in diesem Fall verstehen. Hauptfigur ist nämlich Ana, die aus der Perspektive der Erwachsenen auf ihre Kindheit zurückblickt, in der zuerst die Mutter, dann der Vater verstarb. Ana glaubt fälschlicherweise, den Tod des Vaters selbst herbeigeführt zu haben, indem sie ihm ein Pulver verabreichte, von dem sie überzeugt war, dass es sich um Gift handelte.

Ein Akt der Solidarität: Die kleine Ana hatte mitbekommen, wie der Vater die Mutter mit einer anderen Frau betrog, außerdem glaubte sie, der Vater wäre Schuld an der tödlichen Krankheit der Mutter. Saura erzählt in einer Mischung aus absoluter Gegenwärtigkeit und traumhafter Versunkenheit in der Vergangenheit, die schwer in Worten wiederzugeben ist – und sich am deutlichsten in Anas Blicken zeigt, vor denen sich sowohl surreale wie reale Szenarios abspielen. Es ist, als wolle die erwachsene Ana nachträglich ihre eigenen kindlichen Gedanken lesen – und es liegt nahe, Saura autobiografische Motive zu unterstellen.

Das Spiel mit der Autobiografie erhält zusätzliche Brisanz: Die erwachsene Ana und die Mutter aus ihren Erinnerungen werden jeweils von Geraldine Chaplin verkörpert. Es gehört zu den großen Momenten des auf beinahe magische Weise behutsamen und auf unheimliche Weise zärtlichen Films, wie sie ihre Kindheit in einer Szene rekapituliert, die an die Ästhetik eines Dokumentarfilms erinnert. Man glaubt fast, Geraldine Chaplin rede eigentlich über ihr Aufwachsen Tochter als Charlie Chaplins.

Die Gabe der Phantasie © Studiocanal

Die Gabe der Phantasie © Studiocanal

In einer Sequenz wird die jüngere Schwester Anas von ihrer Tante Pauline gebadet. Die junge Darstellerin erschrickt in echt über das heiße Wasser und schreit auf, sodass die anderen kurz aus ihren Rollen fallen und zum Filmteam schauen – ein Zeugnis kindlicher Spontaneität, dass Saura bewusst nicht dem Schnitt opferte. Schließlich erzählt Züchte Raben … vom Ende des Faschismus (der Vater war beim Militär) und dem Aufwachsen einer neuen Generation, die sich im Geflecht der Auffassungen von Zucht und Ordnung – zwischen großbürgerlichen Benimmregeln und faschistischen Mordbefehlen – einen eigenen Weg bahnen muss, der hoffentlich in die Freiheit führt.

Diese Utopie scheint allerdings unerreichbar. Eine Kindheit kann kaum melancholischer verlaufen als hier. Auch die Momente des Glücks (beim Tanzen) und des Spiels (beim Verkleiden) sind Versuche der Verarbeitung des traumatischen Familienlebens. Jedoch allein die Idee, von einem Hausdach abzuheben statt herunterzuspringen, räumt den Kindern – oder wenigstens Ana – das Potenzial zur Fähigkeit ein, ihre Zukunft mit Fliegen statt mit Morden zu verbringen. Keine politische, aber auch kein unpolitische Fußnote der bewegenden Geschichte.

WF

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