Mit Pedro Almodóvar geht ein veritabler Altmeister ins Wettbewerbsrennen der 79. Internationalen Filmfestpiele von Cannes – und so wie er sich in seinem Werk bereits mit dem Altern auseinandergesetzt hat, würde er diese Bezeichnung sicherlich nicht als Beleidigung verstehen. In Bitteres Fest inszeniert er zwei Zeitebenen und entwickelt ein packendes multiperspektivisches Vexierspiel samt schicksalhaften Verknüpfungen. Alles dreht sich um die Werbefilmregisseurin Elsa, die den Tod ihrer Mutter verarbeiten muss, und um den Autor und Regisseur Raúl Durán, der genau die Geschichte schreibt, die Elsas Leben erzählt.
© El Deseo. Photo by Iglesias Más
Ebenfalls um die Goldene Palme bewirbt sich Ashgar Farhadi mit Parallel Tales, in dem Fiktion und Realität auch auf eine gewisse Weise verschwimmen, was vermutlich logisch ist, da hier wie bei Almodóvar eine Autorin im Mittelpunkt der Handlung steht.
Sylvie ist auf der Suche nach Ideen für ihren kommenden Roman und entdeckt dabei ihren Nachbarn für sich … Eine scheinbar harmlose Konstellation, die allerlei Untiefen birgt … Für Unterhaltung mit dem gewissen Etwas steht allein das imposante Ensemble um Isabelle Huppert, Virginie Efira, Vincent Cassel, Pierre Niney, Adam Bessa und Catherine Deneuve.
© ©Carole Bethuel
Natürlich gibt es an der Croisette auch jenseits der Competition viel zu entdecken. So feiert Volker Schlöndorff – ein weiterer prominenter Klassiker! – mit Heimsuchung Premiere. Dabei entpuppt sich der Oscar-Gewinner (Die Blechtrommel) wie gewohnt als Experte für Verfilmungen großer Literatur, die auch in seiner Adaption von Jenny Erpenbecks Bestseller zu großem Kino wird. Heimsuchung erzählt deutsche Geschichte (n) von Vertreibung und Verlust, Heimat und Herkunft, Verdrängung und Erinnerung. Kurz: die präzise Chronik eines Jahrhunderts. Großartig besetzt mit Martina Gedeck, Susanne Wolf, Lars Eidinger und Ulrich Matthes.
© STUDIOCANAL / Ziegler Film
Das gewisse Etwas als Qualitätssiegel zeichnet auch Crescendo von Agnès Jaoui aus. Nicht im Wettbewerb vertreten aber nicht minder interessant: In den Ruinen eines römischen Amphitheaters gerät die Truppe einer ambitionierten Inszenierung von "Die Hochzeit des Figaro" aus der Balance und aneinander, zwischenmenschliche Gräben tun sich auf. Wirklichkeit und Inszenierung sind auch in diesem Fall nur relative Größen …
© ©Les Films du Kiosque – Anne-Françoise Brillot
WAS NOCH FEHLT …
Das Fantasy-Epos Pans Labyrinth von Guillermo de Toro genießt in Cannes Legendenstatus, vor zwanzig Jahren sorgte es für 22-minütige Standing Ovations, bis heute einsamer Rekord in der Festivalgeschichte. Die restaurierte Fassung in 4K vom originalen 35-mm-Negativ ist in diesem Jahr der Voreröffnungsfilm und aktuell Teil des Programms von Best-Of-Cinema.
Als weitere 4K-Restaurierungen werden in Cannes Ein Mann und eine Frau von Claude Lelouch, Züchte Raben… von Carlos Saura und Mein Onkel von Jacques Tati gezeigt. Letzterer im Rahmen der Reihe Cinéma de la Plage mit einer Vorführung am Strand.
Wer noch nicht genug von Klassikern im schönsten Ambiente hat, ob unter freiem Himmel oder in einem der ehrwürdigen Lichtspielhäuser rund um den Roten Teppich, darf sich weder Viva Maria! von Louis Malle noch Und es ward Licht! von Jean Delannoy entgehen lassen.
Außer Konkurrenz in jeglicher Hinisicht: die Feier des 25-jährigen Jubiläums von The Fast & The Furious. Cannes ist doch immer wieder für eine Überraschung gut. Und wer es nicht dorthin schafft, darf sich auf die offiziellen Kinostarts freuen oder sich mit den Filmen aus unserem Katalog einen schönen Heimkino-Abend machen! Wer kann, der Cannes!
WF