1. Amélies Vergangenheit
Regisseur Jean-Pierre Jeunet machte schon in den 1970er Jahren fleißig Notizen über Begebenheiten, aus denen später Die fabelhafte Welt der Amélie entstand. Ihre Geschichte reicht also über 50 Jahre zurück.
2. Amélies Name
Amélies Nachname lautet Poulain. Hätten Sie es spontan gewusst? Nun ja, wenn Sie den Originaltitel vor Augen haben, vielleicht schon …
3. Die ursprüngliche Amélie
Ursprünglich war Emily Watson für die Rolle vorgesehen, das Drehbuch war ihr auf den Leib geschneidert. Doch Watson hatte andere Verpflichtungen, stand zur selben Zeit für Gosford Park von Robert Altman vor der Kamera. Fun fact: Watson wiederum hatte ihre Debütrolle in Lars von Triers Breaking The Waves einst nur bekommen, weil Helena Bonham Carter absagte.
4. Amélies Look
Auch der ikonische Bob stand so nicht im Skript. Er ist der Kreativität des Friseurs John Nollet zu verdanken.
5. Amélies Märchenwelt
Das Märchenhafte der Geschichte wird andauernd betont. Einerseits durch die Konzentration auf die Farben Rot, Grün und Gelb, andererseits wurden an den Schauplätzen Graffiti entfernt, um die harte Pariser Realität zu kaschieren. Eine Sisyphos-Arbeit für das Team.
Die trickreiche Welt des Jean-Pierre Jeunet © Studiocanal
6. Der Märchenonkel
Ein allwissender Erzähler – gibt es etwas Märchenhafteres? Gesprochen wird er im Original von André Dussollier, der in jüngerer Vergangenheit auch im Thriller Black Box – Gefährliche Wahrheit von Yann Gozlan mitwirkte.
7. Audrey Tautous Handicap
Emily Watson wäre mit einem großen Handicap in die Produktion eingestiegen – ihre mangelnden Französischkenntnisse. Dafür konnte Audrey Tautou keine Steine übers Wasser springen lassen. Die Szene am Canal St. Martin entstand jedoch nicht mit einem Ditschen-Double, sondern mittels Tricktechnik.
8. Das Geheimnis der Fotos
Es gibt tatsächlich jemanden, der Fotoautomaten-Bilder sammelt. Angeblich beruht die echte Sammlung des Schriftstellers und Fotografen Michel Folco auf seiner Angewohnheit, mit gesenktem Blick durch Paris zu laufen, um nicht in Hundekot zu treten. Dabei fielen ihm immer wieder zerrissene Streifen aus Fotokabinen ins Auge, und er begann gezielt danach zu suchen.
9. Befreite Gartenzwerge
Vor 30 Jahren wurde in Frankreich die Front zur Befreiung der Gartenzwerge gegründet, die Gartenzwerge entführt und an andere Orte versetzt. Die Metapher für den Ausbruch aus kleinbürgerlichen Verhältnissen ist also ein Zitat, im Film fungiert der reisende Gartenzwerg aber auch als Stellvertreter des fest verwurzelten Vaters.
10. Der Blick des Glasmanns
Amélie wird von ihrem an der Glasknochenkrankheit leidenden Nachbarn durchschaut. Wenn er über Renoirs Gemälde "Das Frühstück der Ruderer" und über das darauf zu sehende Mädchen mit dem Wasserglas redet, dann spricht er eigentlich über Amélie. Für den Glasmann ist sie längst ein gläserner Mensch. Das heißt in Jeunets Logik: Der Künstler muss alles im Blick haben, aber der Blick muss von menschlicher Empathie getragen werden, um Sinn zu ergeben.
11. Amélies Café
Das Café des Deux Moulins, in dem Amélie arbeitet, existiert bis heute und stellt Amélie-Devotionalien zur Schau, es hatte aber bereits vorher Kultstatus. Wen es dorthin verschlägt, sollte die Crème brûlée bestellen, um das authentisch knackende Amélie-Erlebnis zu genießen.
12. Die fabelhafte Crème brûlée
Beim Knacken der Zuckerschicht einer Crème brûlée ist Jean-Pierre Jeunet selbst bereits so manche gute Idee gekommen. Dieses Knacken trägt also autobiografische Züge. Und es macht Appetit auf das süße Dessert. Ein passendes Rezept findet ihr unter anderem auf der Seite Schlemmerkino
.
13. Das Amélie-Museum
Auch die Fotokabine steht immer noch in der Rue des Trois Frères. Paris ist eigentlich ein einziges Amélie-Museum, wenn man es recht bedenkt, vor allem das Montmartre-Viertel.
14. Ein Ohrwurm für Amélie
Der absolute Ohrwurm aus dem Soundtrack von Komponist Yann Tiersen ist das Stück »Comptine d'un autre été: L'après-midi«.
15. Amélies Farben
Amélie gewann vier Césars, vier European Film Awards und war für fünf Oscars nominiert, darunter die Kamera von Bruno Delbonnel, dessen Farbgestaltung und Umgang mit Licht ins Auge stechen. Für Amélie ließ er sich von Gemälden des Brasilianers Juarez Machado inspirieren, der seit den 1980ern in Paris lebt.
Amélie liebt das Kino, das Kino liebt Amélie © Studiocanal
16. Amélie und die Emotionen
Der Film ist eine Art Liebeserklärung an den Mut zu leben. So etwas wie Hass existiert darin nur, wenn man ein wenig um die Ecke denkt. Et Voilà: Die Figur Nino Quincampoix wurde von Mathieu Kassovitz gespielt, der auch als Regisseur von Hass bekannt ist.
17. Einzelkind Amélie
Die wohl wichtigsten Gründe für das Ausbleiben einer Kino-Fortsetzung sind Jeunets romantische Einstellung zu seinem Metier sowie sein Wunsch, die Geschichte als abgeschlossenes Märchen zu erzählen. Bei "Hänsel und Gretel" oder "Der Wolf und die sieben Geißlein" gibt es schließlich auch kein Sequel.
18. Amélie – Das Musical
2015 entstand allerdings ein Musical auf Grundlage des Films. Am Broadway gefloppt, wurde das Stück in England zum großen Erfolg.
19. Amélies Herzen
Amélie leidet an einer Herzkrankheit, die in Wahrheit durch den Stress bei den ärztlichen Untersuchungen ausgelöst wird. Die Herzsymbolik ist sehr präsent im Film, Amélie-Nerds wollen weit über einhundert versteckte Herzsymbole entdeckt haben. Eine unverschlüsselte Herzensangelegenheit.
20. Das fabelhafte Almodóvar-Moment
Die Einrichtung von Amélies Wohnung wirkt beinahe wie ein Selbstporträt, heißt es. Also auch ein Porträt von Jeunet? Diese Selbstcharakterisierung über die Ausstattung hätte er mit Almodóvar gemein, der regelmäßig sogar persönliche Einrichtungsgegenstände in den Kulissen seiner Filmfiguren platziert.
21. Amélies Verwandlung
Für Audrey Tautou bedeutete ihre Rolle als Amélie den Durchbruch. Während der Dreharbeiten war allerdings ihr ganzes Können als Schauspielerin gefragt: Jeunet verlangte von ihr eine sehr präzise Darstellung bis in die kürzesten Blicke, kleinsten Gesten und unscheinbarsten Bewegungen hinein. Was auf gewisse Weise zum Markenzeichen des Films wurde, zeigt umso deutlicher, wie sehr sich Tautou von ihrer Filmfigur unterscheidet. So hatte sie auch nach dem großen Erfolg des Films kein Interesse, mit Amélie verwechselt zu werden. Und so verwandelte sie sich daraufhin in viele unterschiedliche Filmfiguren.
22. Jeunets Wiedergeburt
Amélie war ein Wendepunkt in der Karriere von Jean-Pierre Jeunet. Nach seiner durchwachsenen Hollywood-Eskapade Alien: Resurrection könnte man beinahe schon von einer künstlerischen Wiedergeburt sprechen.
23. Amélies Wirkung
Der Film spielte weit über 100 Millionen US-Dollar ein. Da dürfte die Produktionsfirma noch größere Augen gemacht haben als Amélie selbst. Das Schönste aber: Amélie verzaubert ihr Publikum bis heute! Denn wenn Amélie nicht die perfekte Influencerin vor ihrer Zeit gewesen ist – wer dann bitteschön Sie ließ die Crème brûlée knacken als noch niemand sein Essen fotografierte.
24. Die wahre Amélie
Zum 20-jährigen Jubiläum warf Jean-Pierre Jeunet einen humorvollen Blick auf den von ihm selbst geschaffenen Mythos Amélie – mit seinem fabelhaften Kurzfilm La veritable histoire d' Amélie Poulain verrät er zudem ambivalente Gefühle, wenn es darum geht, den größten Erfolg seiner Karriere zu feiern.
25. Die Liste der kleinen Freuden
Ein wichtiger Punkt auf Amélies "Liste der kleinen Freuden" ist es – außer mit der Hand in einen Sack Getreide zu greifen, eine Vorliebe, die man Jeunet persönlich zuschreibt und die nicht weit vom Griff in den Popcorneimer entfernt ist – alte Filme anzuschauen und Unstimmigkeiten darin zu entdecken …
In diesem Sinne: Viel Vergnügen beim Wiedersehen mit Amélie!
WF