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Ein Leben für den Film: Trauer um Jean-Luc Godard

Mit Außer Atem schuf Jean-Luc Godard vor gut 60 Jahren einen unsterblichen Filmklassiker. Danach revolutionierte er das Kino. Am 13. September 2022 wurde sein Tod bekanntgegeben.

13. September 2022

Jean-Luc Godard wurde am 3. Dezember 1930 in Paris geboren, im September 2022 ist er im Alter von 91 Jahren verstorben. Banale Fakten, wenn man sie mit der Wirkung vergleicht, die allein die Nennung seines Namens hat – und auf lange Sicht noch haben wird. Godard ist ein Synonym für Kino geworden, und zwar eines Kinos, das sich nicht den Regeln des kommerziellen Marktes unterwirft. Dabei war dieser Jean-Luc Godard schon immer ein Getriebener, der mit rebellischem Impetus die Dinge selbst vorantrieb. Legende sind die Geschichten um sein Spielfilmdebüt Außer Atem, das er 1960 lediglich deshalb realisieren dufte, weil die Produktionsfirma davon ausging, Chabrol und Truffaut wären in den Film involviert – was bloß ansatzweise stimmte. Herausgekommen ist ein Werk von geradezu unsterblichem Rang, in dem heute noch jede Szene für Erstaunen sorgt. Und dazu die historischen Innovationen, nehmen wir nur die Jump Cuts! Die mussten, ganz nebenbei, wie so manch andere Trickserei zum Zwecke der Vertuschung fehlerhafter Anschlüsse, auch herhalten, um die Verzweiflungstränen des so genannten Script-Girls zu trocknen. Jener Frau, die sich um die Kontinuität im Ablauf der Szenen zu kümmern hatte, die Godard überhaupt nicht scherte.

"Außer Atem" mit Jean Seberg und Jean-Paul Belmondo © Studiocanal

"Außer Atem" mit Jean Seberg und Jean-Paul Belmondo © Studiocanal

Was kümmerte Godard denn eigentlich? Künstlerisch betrachtet ist er Idealist und Materialist zugleich gewesen. Der Sohn aus gutem schweizerisch-französischen Hause, der seit 1953 die schweizerische Staatsbürgerschaft besaß, pflegte die Auseinandersetzung mit dem Filmemachen selbst und folgt dabei dieser Logik: Die Kunst kann erst zum Mittel der Politik werden, wenn man ihre Konventionen hinterfragt, so wie man außerhalb der Kunst die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht einfach anerkennt. Aber warum Politik? Godard politisierte sich, das heißt seine Arbeit, gegen Ende der 1960er Jahre im Zuge der allgemeinen Aufbruchsstimmung in der Gesellschaft. 1968 bildete auch in Frankreich den Höhepunkt einer aus heutiger Sicht sehr heterogenen und in der Außenwirkung stark intellektuell und studentisch geprägten Bewegung. Godard geriet in den Strudel des Protests. Der Mann des Wortes – Godard gehörte zu den ersten Autoren des 1951 von André Bazin gegründeten und für die Rezeption der Nouvelle Vague maßgeblichen Magazins Cahiers du Cinéma – wurde zum handfesten Kämpfer für künstlerische Unabhängigkeit und eine Art Galionsfigur des Antiimperialismus. Wie auch immer man das im Jahr 2022 einordnen mag… Godards Überzeugungen hallen nach.

Die Fotografie, das ist die Wahrheit. Kino, das ist die Wahrheit 24 Mal in der Sekunde.

Aber Godard war letztlich vor allem ein Mann der Bilder – und ein Suchender. "Ich ziehe es vor, etwas zu suchen, was ich nicht kenne, statt etwas, was ich kenne, besser zu machen", lautet eines der Zitate Godards, mit denen sich seine "Philosophie" bestens beschreiben lässt. So spricht niemand, der die Weisheit mit Löffeln gefressen hat oder sich auf ideologischen Gewissheiten ausruht, sondern jemand, der wirklich neue Welten erforschen möchte, während er sie erschafft. Das Werk Godards kann man keinesfalls auf ein Genre, einen Stil oder eine bestimmte experimentelle Zielrichtung reduzieren. Wenn einer bei Null anzufangen vermochte, ohne das zuvor Selbsterlernte und den Fortgang des wahren Lebens außerhalb des Kinos auszublenden, dann Jean-Luc Godard. Davon darf man sich im ARTHAUS-Katalog jederzeit überzeugen, zum Beispiel wenn man Le mépris – Die Verachtung, Die Außenseiterbande, Alphaville, Elf Uhr nachts oder andere Klassiker von ihm anschaut. Der kleine Soldat aus dem Jahr 1960 ist nicht nur bis dato einer der besten Anti-Kriegsfilme, er enthält einen weiteren entscheidenden Satz aus und über Godards Leben: "Die Fotografie, das ist die Wahrheit. Kino, das ist die Wahrheit 24 Mal in der Sekunde."

Unsterblicher Shot aus "Die Außenseiterbande" © Studiocanal

Unsterblicher Shot aus "Die Außenseiterbande" © Studiocanal

Das waren nicht bloß Worte über das Filmemachen, sie waren jenes Glaubensbekenntnis, das dem Zweifel und der Kritik an den Verhältnissen ebenso gewidmet war wie der Kunst, sie mithilfe einer Kamera, ein paar Drehbuchseiten, tollen Ensembles und Crews sowie in langen Nächten im Schnittraum aus ungewöhnlicher Perspektive zu zeigen. Als Auteur drückte er dieser kollektiven Anstrengung den Stempel auf, als schillernden Star einer postmodernen Avantgarde wird man ihn erinnern. Der Historiker Eric Hobsbawm definierte Avantgarde einst als Minderheit, die sich theoretisch darauf freue, eines Tages die Mehrheit zu bilden, praktisch jedoch froh darüber sei, dass sie es noch nicht geschafft habe. Im Grunde beschreibt das den künstlerischen Freiraum, den Godard sich erkämpft hatte und den er nie nutzte, um es sich darin bequem zu machen. Jean-Luc Godard blieb ein unbequemer Zeitgenosse. Dabei dürfte sein Kino – oder besser gesagt seine Idee von Kino – mehr Menschen bewegt haben als das Gros der Hollywood-Blockbuster.

Bis zuletzt schien Godard sich nicht an besagte Kontinuität im Ablauf der Szenen halten zu wollen. So wurde auf Twitter sein Tod zunächst verkündet, um schnell dementiert und letztlich doch von der Familie bestätigt zu werden. Totgesagt und doch gestorben. Jetzt da es offiziell ist, trauern wir mit banal klingenden Worten um einen der größten Filmemacher*innen überhaupt. Au revoir, Jean-Luc Godard.

WF

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