Wiederentdeckt: Mary Stuart Masterson

Sie spielt nie gleich und verhilft doch all ihren Figuren zu einer bewundernswerten Haltung. Mary Stuart Masterson gehört zu den Schauspieler*innen, die man immer wieder neu entdecken kann.

Filmgeschichten 14. Oktober 2019

Ihren ersten Auftritt in einem Spielfilm hatte die 1966 geborene Mary Stuart Masterson im Alter von neun Jahren. An der Seite ihres echten Vaters Peter Masterson spielt sie in Bryan Forbes’ Science-Fiction-Klassiker Die Frauen von Stepford auch dessen Filmtochter Kim Eberhart. Die kleine Kim ist es, die ihren Papa zu Beginn der Geschichte darauf aufmerksam macht, dass da gerade ein Mann eine nackte Frau über die Straße getragen habe. Zwar meint Kim eine Schaufensterpuppe, doch Walter Eberhart dient ihre Beobachtung als Begründung, warum die Familie aus New York ins idyllische Stepford zieht. Der dortige Frieden bröckelt allerdings schnell. Joanna Eberhart (Katherine Ross) vermisst den Lärm der Großstadt – und Kims Teddy schläft im neuen Zuhause schlecht. Die benachbarten Ehefrauen von ganz Stepford scheinen außerdem keinen eigenen Willen zu haben, und die entsetzten Eberharts stehen vor einem Rätsel – bis sich der alltägliche Schrecken in einem futuristischen Horrorszenario mit feministischem Subtext auflöst. Mary Stuart Mastersons Rolle scheint wie für sie gemacht. Ein kluges Mädchen, das in einer feindseligen Welt durch sein Charisma und Potenzial heraussticht.

Ist es noch Freundschoft oder schon Liebe? Ein zärtlicher Moment aus "Grüne Tomaten".

Ihr früh entwickeltes Talent und diese Ausstrahlung, die man nicht lernen kann – der Weg für Masterson zum Hollywood-Star war vorgezeichnet. Und tatsächlich übernahm sie in den 1980er Jahren tragende Rollen in einigen spannenden und erfolgreichen Produktionen wie etwa Der steinerne Garten unter der Regie von Francis Ford Coppola – und glänzte neben Sean Penn und Christopher Walken in James Foleys Thriller Auf kurze Distanz. Eine blutige Lovestory, in der sie die mutige und eigenwillige junge Schönheit mimt, die für ihren Freund durch die Hölle geht, obwohl die männliche Gesellschaft, mit der er sich umgibt, nur aus Rohheit und Gewaltexzessen besteht. Der passende Soundtrack dazu: Madonnas "Live To Tell". Eine warme Empfehlung mit garantierter Gänsehaut für jeden Eighties-Throwback-Filmabend, auch weil man Masterson und Penn das Verliebtsein und die Knutscherei auf der Luftmatratze so sehr abnimmt wie Walken den brutalen Macho.

Das Geheimnis ist die Soße

Die echten Highlights von Mary Stuart Mastersons Karriere finden sich dann in den 1990ern. Dieses Jahrzehnt begann für sie mit einem Wunder von Film. In Grüne Tomaten zeigte Mary Stuart Masterson all ihr Können als Idgie Threadgoode, die gleich zu Anfang ihren geliebten Bruder durch ein Unglück verliert und später eine lange und sehr innige Freundschaft zu dessen Schwarm Ruth Jamison (Mary-Louise Parker) pflegt. Mit Ruth betreibt sie nicht nur das auf die Zubereitung grüner Tomaten spezialisierte Whistle Stop Café, die beiden setzen sich auch dank der Hilfe einiger anderer Alltagsheld*innen gegen Rassismus und Misshandlung zur Wehr. Ein anrührendes Meisterwerk, das heute für viele Szenen und Oneliner berühmt ist, wobei "Das Geheimnis ist die Soße" und Evelyn Couchs Emanzipationsausbruch bei der Parkplatzsuche schwer zu toppen sein dürften.

Ein Ausflug ins Grüne – aber ohne Tomaten. Szene aus "Benny & Joon".

Unvergleichlich schräg verliebte Blicke und eine der mitreißendsten Kussszenen überhaupt – damit kann bis heute Jeremiah S. Chechiks Outcast-Drama Benny & Joon aufwarten, für das Mary Stuart Masterson ein Jahr später vor der Kamera stand. Ein Johnny Depp à la carte stellt für sie den perfekten Partner dar in diesem Techtelmechtel zweier Außenseiter, denen als psychisch kranken Menschen die freie Wahl des Lebens- und Beziehungsmodells von ihrem besorgtem Umfeld nicht so einfach zugestanden wird. Diese Figur der Joon genannten Juniper Pearl erscheint aus heutiger Sicht wie die Schnittmenge aller vorigen Filmcharaktere Mastersons. Eine reife Leistung der inzwischen 27-jährigen, über die ein Kritiker urteilte, sie lasse hinter Joons verletzlichem Äußeren stets unberechenbare Aggressivität durchscheinen. Es stimmt. Joon benimmt sich, als habe sie verinnerlicht, dass man kaputt machen muss, was einen selbst kaputt macht – und Mastersons Wucht kann einem schon mal den Hals zuschnüren.

Niemals nur an der Oberfläche kratzen

Nachdem Jonathan Kaplans hochkarätig besetzter Western Bad Girls, für den sich Mary Stuart Masterson 1994 in einer Reihe mit Drew Barrymore, Madeleine Stowe und Andie McDowell in den Sattel schwang, die Erwartungen nicht ganz erfüllen konnte, mag sich Masterson gedacht haben, dass eine Frau im Regiestuhl dem interessanten Stoff vielleicht gerechter geworden wäre und auch die Heldinnen etwas lebendiger und weniger puppenhaft hätte wirken lassen. Doch es brauchte noch einige Jahre, bis sie erstmals den Ton bei einer großen Filmproduktion angab. Mastersons The Cake Eaters von 2007 mit Kristen Stewart bietet sich zur Wiederentdeckung an. Lebhaft, unprätentiös, direkt. Das sind Attribute, mit denen dieses sensibel inszenierte Familiendrama bedacht wurde, und sie beschreiben nicht ganz zufällig haargenau, wie Masterson als Schauspielerin bis heute ihre Rollen interpretiert. Zuletzt konnte man sie in Guy Nattivs hochgelobtem Skin sehen – der Biografie eines Aussteigers aus der rechtsextremistischen Szene. Noch so ein Film, der unter die Haut geht. Niemals nur an der Oberfläche kratzen. So ließe sich Mary Stuart Mastersons Kunst auf den Punkt bringen.

WF

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