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Die ersten 20 Minuten von La Dolce Vita (und was wir darin über das süße und nicht ganz so süße Leben lernen)

Der ARTHAUS-Liveticker schaut sich Meisterwerke ganz genau an. Diesmal Fellinis Klassiker von 1960, der jetzt in einer 4K-restaurierten Fassung und mit neuen Extras erscheint.

26. Juli 2021

01. Minute

Eine Texttafel erklärt: La Dolce Vita – Das süße Leben wurde aus Anlass von Federico Fellinis 100. Geburtstag restauriert. Schade, dass der Meister es nicht mehr selbst erleben kann – sein großes Werk, das als einer der besten Filme überhaupt gilt, in neuem Glanz. Der 1920 geborene Fellini verstarb 1993 in Rom.

02. Minute


Die Hintergründe der aufwändigen Restaurierung werden dargelegt. Die hat man sich wohl einiges kosten lassen. Passend dazu empfehlen wir wärmstens die aktuelle Doku The Truth about La Dolce Vita und das 26-seitige Booklet samt Essay, die unserer neuen 4K-Edition beigefügt sind. Darin erfährt man auch einiges über Fellinis eigenen verschwenderischen Umgang mit Geld. Naja, mit der Lire kam man eben schnell in den höheren Millionbereich… Das musste auch der tapfere Produzent Giuseppe Amato einsehen.

03. Minute

Fun Fact: Amato hatte extra einen Pater um Rat gefragt, ob er die Verfilmung des irrwitzigen Drehbuchs produzieren sollte, in das er sich anscheinend richtiggehend verliebt hatte. Der Pater riet ihm dazu – und was muss der Geistliche im fertigen Film dann als erstes sehen (vorausgesetzt er hat ihn jemals gesehen)?

04. Minute

Zwei Hubschrauber, die über die Aqua Claudia fliegen, und einer davon hat niemand Geringeres am Haken als Jesus Christus. Ist das schon Religionskritik oder noch genialer Kunstgriff?

05. Minute

Einen gelungeneren Einstieg in einen Film über die heilige Stadt Rom und die Höhen und Niederungen der Gesellschaft, deren Einzelne zwar nicht vor der Kamera aber doch vor der göttlichen Instanz gleich sind, kann man sich jedenfalls kaum vorstellen.

06. Minute

Die unerwartete Wiederkunft des Heilands im Form eines monströs großen geschmacklosen Souvenirs wird auch von einer Gruppe junger Frauen bemerkt, die in Bikinis auf einem Hausdach die Zeit totschlagen. Gelegenheit für einen Flirt zwischen Besatzung und Damen unter ohrenbetäubendem Rotorenlärm. Wollen die Herren den Weg zum Vatikan wissen oder nur Telefonnummern ergattern? Vermutlich beides.

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07. Minute

Ach ja, im Hubschrauber sitzt unter anderem Marcello Mastroianni, der den Klatschreporter Marcello spielt. Die Rolle war ursprünglich mal für Paul Newman vorgesehen, aber Mastroianni bekam den Vorzug – angeblich wegen seines Allerweltsgesichts. Und der nette Pater, der den zweifelnden Produzenten Amato einst zum Investment ermutigte, wird als Belohnung nun auch noch mit einem tanzenden Buddha konfrontiert.

08. Minute

Alles nur weltliches Theater in einem Luxus-Etablissement, in dem Marcello seiner Arbeit nachgeht. Paparazzo mit dem Blitzlicht immer an seiner Seite. Die von Walter Santesso gespielte Figur entstand auf Grundlage eines realen Klatschfotografen. Aber was ist der schon gegen die abertausend Paparazzi der Yellow Press, für die der La Dolce Vita-Fotograf unfreiwillig das Role Model spielte!

09. Minute

Es geht also um die Dekadenz der Upper Class und die neuen Parallelwelten, die sie in den späten 1950er Jahren schon produzierte. Der Gedanke dürfte auch den Pater ausreichend mit Fellini versöhnen, um ihn die kommenden knapp drei Stunden einfach genießen zu lassen.

10. Minute

Aufttritt Anouk Aimée als Maddalena. So trägt man Sonnenbrille und so bestellt man Whiskey. So und nicht anders!

11. Minute


Die Coolness der Begegnung an der Bar zwischen Maddalena und Marcello wird nur von der unbekannten Frau untergraben, die gleich daneben ihre Perlen kreisen lässt. Den Oscar gab es später ja nicht für die beste weibliche Nebenrolle sondern für die besten Kostüme. Mit anderen Worten: auch für die Perlenkette, den heimlichen Star dieser Szene.

12. Minute

Nach einer kurzen Fahrt durch die silbrig-schwarzen Lichterwelten des nächtlichen römischen Verkehrs, werden wir Zeug*innen eines der melancholischsten Dialoge der Filmgeschichte. Er handelt von der Liebe als letztem und einzigen Mittel der Bourgeosie und des Großbürgertums gegen den Burnout. Und von der Großstadt als Dschungel, in dem man sich nicht verstecken kann. Auch prophetisch irgendwie…

Im Cadillac durch die Nacht: Maddalena und Marcello © Studiocanal

Im Cadillac durch die Nacht: Maddalena und Marcello © Studiocanal

13. Minute

Da capo:

– "Wissen Sie, was ihr Unglück ist? Sie haben zu viel Geld!"
– "Ihr Unglück ist, dass sie zu wenig haben."

14. Minute

Das kleine Glück der Reichen besteht eben darin, dass es andere gibt, denen es materiell schlechter geht, deren Gesellschaft jedoch etwas Herzlichkeit oder gar ein Abenteuer verspricht. Und so lädt Maddalena eine Prostituierte zur gemeinsamen Spritztour in den Cadillac.

15. Minute

Maddalena am Steuer des Cadillacs auf dem Weg zum anderen Ende Roms. So fährt man Auto. So und nicht anders!

16. Minute

Das andere Ende Roms sieht weit weniger spektakulär aus. Und nicht nur die Sexarbeiterin fragt sich: Was nun?

17. Minute

Marcello und Maddalena kommen erst mal auf einen Kaffee mit rein. Allmählich dürfte der Pater im Kinosessel wieder unruhig werden. Warum hat er diesem unmoralischen Stück bloß seinen Segen gegeben? Hätte er doch vorher lieber das ganze Drehbuch gelesen. In diesem Fall gab es ja offenbar sogar eins, anders als bei vielen anderen Fellini-Filmen. Zumindest enthielt der Regisseur es seinen Schauspieler*innen meist vor.

18. Minute

Von ganz oben bis fast nach ganz unten in gerade mal 17 Minuten – zwischendrin eine rasante Fahrt durch die schöne neue Glitzerwelt der Klassengesellschaft. Ein faszinierender Trip, der anderen Regisseuren für einen ganzen Film ausgereicht hätte. Aber für Fellini ist der Weg vom Christus am Himmel über die Bordsteine der Via Venetia und des Straßenstrichs bis zum unter Wasser stehenden Souterrain-Quartier der Prostituierten nur das Vorspiel…

Marcello sucht Trost nach einer sehr schlechten Nachricht… © Studiocanal

Marcello sucht Trost nach einer sehr schlechten Nachricht… © Studiocanal

19. Minute

Okay, für Maddalena und Marcello war es auch nur ein Vorspiel. Es ging ihnen also gar nicht um den Kaffee. Mi dispiace, padre!

20. Minute

Einigermaßen glücklich sehen die beiden coolen Turteltäubchen nach ihrem verruchten Schäferstündchen aus, als sie am Morgen die ärmlichen Verhältnisse wieder verlassen. Aber wer La Dolce Vita nicht zum ersten Mal sieht, weiß genau, dass das süße Leben schnell bitter schmeckt, wenn man zu lange davon nascht. Marcello wird bald unangenehm daran erinnert…

WF

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