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Parallele Mütter: Der Ursprung aller Geschichten

Pedro Almodóvar verzahnt in Parallele Mütter (Kinostart 10. März) virtuos die zeitgenössische Freundschaft zweier Frauen mit der Aufarbeitung des Spanischen Bürgerkriegs – im Mittelpunkt eine famose Penélope Cruz.

10. März 2022

"Almodóvar hat sich nackt gemacht. Er hat die Hosen runtergelassen!" So erklärte
Antonio Banderas im Gespräch mit ARTHAUS die Entstehung des letzten Films der spanischen Regie-Ikone. In Leid und Herrlichkeit verkörperte Banderas eine Figur, die sehr viel mit dem echten Almodóvar und dessen Biografie gemeinsam hat. Das autobiografisch gefärbte Melodram musste bis jetzt als das definitive Meisterwerk im Œuvre Almodóvars angesehen werden. Doch mit Parallele Mütter setzt Almodóvar schon das nächste Ausrufezeichen.

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Leid und Herrlichkeit war eine berührende Beschäftigung mit dem eigenen Aufwachsen unter schwierigen Bedingungen – und selbstverständlich eine emotionale Auseinandersetzung mit der Mutter. Mutterschaft spielt eine immer größere Rolle im Gesamtwerk des 72-jährigen, je älter der Filmemacher und je reifer das Erscheinungsbild seiner Inszenierungen wird. Man erinnert sich noch an die eher knalligen bis durchgeknallten frühen Komöldien im Stile von Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Aber damals schon kam die melancholische Ader unter den grellen Kostümen zum Vorschein.

Bauch an Bauch im Schicksal vereint © El Deseo/ Studiocanal

Bauch an Bauch im Schicksal vereint © El Deseo/ Studiocanal

Mit Leid und Herrlichkeit mag sich Almodóvar tatsächlich frei gemacht haben, im doppelten Wortsinn, womöglich auch von einer Blockade im Umgang mit der Historie seiner Heimat. Die Wurzelsuche im Persönlichen, die in der Figur der Mutter den Ursprung aller Geschichten sucht – etwa so wie Gustave Coubet in seinem berühmten Gemälde den Ursprung der Welt im weiblichen Körper verortet – führt in Parallele Mütter in die Vergangenheit des Bürgerkriegs. Und sie führt in die Gegenwart des Schweigens über die Verbrechen der faschistischen Franco-Diktatur.

Almodóvars Figuren sind meist Wesen, die weniger mit der Realität zu tun zu haben scheinen als mit anderen Figuren aus dem Kosmos des Regisseurs. Stets lässt er sich hinter der Kamera lieber von den Künstler*innen bezirzen und bezaubern als von der Wirklichkeit einholen, also von den tollen Schauspieler*innen, die seinen bunt gekleideten Protagonist*innen wahres Leben einhauchen. Diesmal ist es Penélope Cruz, die oft als Almodóvars Muse bezeichnet wird. Die für Parallele Mütter zentrale Freundschaft der von ihr gespielten Janis mit der jüngeren Ana entwickelt sich auf der Entbindungsstation. Beide Frauen sind schwanger, dahinter stehen unterschiedliche Schicksale.

Penélope Cruz als Janis © El Deseo/ Studiocanal

Penélope Cruz als Janis © El Deseo/ Studiocanal

Parallele Mütter verfolgt mehrere nebeneinander her laufende Erzählstränge, die sich mitunter um die Figuren zu wickeln scheinen wie die Nabelschnur um so manchen Säugling bei der Geburt. Doch schließlich fügt sich die Handlung zu einem bewegenden Ganzen. Das liegt zum einen an der beeindruckenden Performance von Penélope Cruz, zum anderen liegt es am Geschichtenerzähler selbst. Almodóvar untersucht die Vergangenheit bis auf die Knochen, gibt der Gegenwart einen Klaps auf den Rücken und lässt die Zukunft atmen. Der grandiose Soundtrack von Alberto Iglesias untermalt noch dazu kongenial den Spannungsbogen.

Wir stellen fest: Wenn es im Kino um die Bewältigung von schmerzhaften Erfahrungen und deren Verwandlung in berührende Geschichten geht, behält Almodóvar die Hosen an.

WF

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