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Total Recall: Ziemlich cooler Mindfuck

Das waren die Neunziger: Irgendwas zwischen Paul Verhoevens kongenialer Philip K. Dick-Verfilmung mit Arnold Schwarzenegger und dem Eintauchen in die Matrix.

29. August 2021

Paul Verhoevens Total Recall - Totale Erinnerung nach einer Kurzgeschichte von Philip K. Dick – mit Arnold Schwarzenegger, Michael Ironside und Sharon Stone in den tragenden Rollen – ist im Rückblick der erste cineastisch-philosophische Brückenpfeiler der 1990er Jahre in Sachen Virtualität. Der zweite Pfeiler? Na, der Beginn der Matrix-Trilogie 1999. Während jener Dekade lief der Transfer zwischen virtueller und realer Welt über die künstlich gespannte und sich beständig weiterentwickelte Leinwand-Brücke in beide Richtungen fließend. Man kann auch von einem 1990er-Jahre-Spannungsbogen sprechen, der sich über das ganze Jahrzehnt legte, und unter dem die heutige Realität des alles durchdringenden Internets und der sozialen Medien mit ihren verschärften Gedankenspielen über psychologische Manipulationen und Welten in Welten in Welten sich mehr als nur leise anzukündigen schien. Natürlich gab es schon zuvor ernsthafte Beschäftigungen mit derlei Kram. Baudrillard hatte mit seiner passenden Philosophie von "Simulacra und Simulation" die 1980er Jahre eingeläutet, und 1973 etwa verband Rainer Werner Fassbinder im Zweiteiler Welt am Draht Vorstellungen von Techniken der Kybernetik und des aufkommenden Computerzeitalters sowie der Unzuverlässigkeit medialer Wirklichkeiten zu einem unterhaltsamen Verwirrspiel, in dem keiner mehr weiß, wohin der Hase hoppelt – außer vielleicht zurück ins Rabbit Hole. Schließlich sind Andeutungen über künstlich erzeugte Lebenswelten nie frei von Verschwörungstheorien, die wiederrum leicht mit der Kritik am manipulativen Wesen sämtlicher Medien verwechselt werden könnten. "Wahnsinndidee, that’s a good name für the baby" heißt es zusammenfassend in Welt am Draht.

Manipulationsversuche in Fassbinders "Welt am Draht" © Studiocanal

Manipulationsversuche in Fassbinders "Welt am Draht" © Studiocanal

Der um wahnsinnige Ideen zur wahnsinnigen Wirklichkeit nie verlegene Philip K. Dick, den auch aus finanziellen Gründen eher die mangelnde Zeit plagte, um diese Absurditäten ausführlicher zu gestalten, weshalb er schon den nächsten genialen Einfall in eine Geschichte verwandelte, bevor er den vorigen überhaupt zu Ende erzählt hatte, muss heute als Visionär bezeichnet werden. Und wie es sich für diese Gattung Künstler*innen gehört, hat er irgendwann die Übersicht verloren, verwechselte Paranoia mit Gesellschaftsanalyse und sprach mehr mit Gott statt mit Familie, Freunden, Verlegern oder Filmproduzenten. Drogen trugen ihr Übriges dazu bei, dass der begnadete Schriftsteller, den manche für den Kafka der Science-Fiction-Literatur halten, 1982 im Alter von gerade mal knapp über Fünfzig verstarb – und deshalb leider auch den Kinostart der heute legendären Verfilmung seines Romans "Träumen Androiden von elektrischen Schafen?" unter dem letztlich von Kollege William Burroughs entlehnten Titel Blade Runner knapp verpasste.

Arnie auf dem Sprung von einem Brückenpfeiler zum anderen. © Studiocanal

Arnie auf dem Sprung von einem Brückenpfeiler zum anderen. © Studiocanal

So wie Ridley Scotts cyberpunkige Kontemplation übers Mensch- und Harrison Ford-Sein erscheint auch Total Recall - Totale Erinnerung als hoch budgetierter Blockbuster, der die gedanklich komplexen Elemente der Dickschen Wahrnehmungs- und Erzählkunst mit krasser Coolness in Regie und Design verband. Wobei den einige Jahre später für die Matrix-Action (und alle Fehler in der Matrix) verantwortlichen Wachowskis vermutlich schon ein Licht aufging: So muss man es verpacken, wenn man die Zweifel an Herrschafts- und Darstellungsformen gleichzeitig fürs große Kino umsetzen will. Dabei ist die Total Recall-Story denkbar einfach, nur wird sie beim Nachdenken zwangläufig immer komplizierter – weswegen sie starke Ähnlichkeiten mit der wahren Liebe und dem wahren Leben aufweist (nicht von ungefähr verfasste Philip K. Dick auch die Vorlage zur Tragikomödie Truman Show, die mit ihrem Geburtsjahr 1998 Teil der oben beschriebenen Brücken schlagenden Transformationsprozesse war, die den Science-Fiction-Film der 1990er prägen, und an denen Philip K. Dick selbst seine wahre Freude gehabt hätte).

Die Zukunft wie in Sharon Stones Gesicht gemeißelt © Studiocanal

Die Zukunft wie in Sharon Stones Gesicht gemeißelt © Studiocanal

Erinnern Sie sich denn noch an Total Recall - Totale Erinnerung? Um bei Dicks Originaltitel zu bleiben: "We Can Remember It For You Wholesale". Wir erinnern uns für Sie haargenau und dauerhaft, unter anderem inklusive Audiokommentar von Schwarzenegger und Verhoeven.

Realistische Perspektiven aus dem Jahr 2048 © Studiocanal

Realistische Perspektiven aus dem Jahr 2048 © Studiocanal

Was bisher geschah: Arnold Schwarzenegger wacht in seiner Rolle neben Sharon Stone in der ihrigen auf, wofür beide, daran lässt Paul Verhoeven keinen Zweifel, zunächst einmal zu beneiden sind. Doch verkörpern Arnie und Sharon nicht nur als Schauspieler*innen ihre Figuren. Nein, auch diese Charaktere sind in Rollen gefangen. Allmählich entwickelt sich um diese Gewissheit und um das so schlichte wie überzeugende Geschäftsmodell der implantierten Erinnerungen an nie erlebte Abenteuer herum ein Vexierspiel, bei dem der Fixpunkt immer die offensichtlich irgendwo existierende Wirklichkeit bleibt. Unsere Realität zum Anfassen, die auch Träume erst möglich macht, zum Beispiel die Träume von einer anderen und hoffentlich besseren Welt. Was den Brückenpfeiler Total Recall noch enger mit dem Brückenpfeiler Matrix verbindet, ist diese Pille der Erkenntnis, die uns in den 1990ern auf der Zunge lag, deren Existenz aber heute mitunter in Vergessenheit geraten ist. Sonst wäre es kaum möglich, dass so viele Pandemie-genervte Spinnereien in Umlauf sind, gegen die es längst wirksamen Impfstoff gibt. Zum Beispiel diesen Mega-Film mit genug Irritationspotenzial zum Weiterspekulieren – und mit ausreichend Wumms, um beim Denken nicht einzuschlafen. Das ist die Wahrheit.

WF

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