In einem Jahr mit 13 Monden: Rainers Verzweiflung

Das Melodram gehört zu den persönlichsten Filmen in Rainer Werner Fassbinders Werk

Drehmomente, Filmgeschichten 11. Juni 2019

Im nicht gerade biederen Gesamtwerk Rainer Werner Fassbinders dürfte dieser Film einer der radikalsten sein. Die zärtlichsten Momente stehen darin neben den drastischsten Bildern. Das Patchwork-Melodram In einem Jahr mit 13 Monden aus dem Jahr 1978 könnte auch als stärkster künstlerischer Ausdruck eines bekannten Fassbinder-Ausspruchs bezeichnet werden: „Das Einzige, was ich akzeptiere, ist Verzweiflung.“

Die Verzweiflung ist jedenfalls groß bei Elvira Weishaupt, für deren atemberaubende Verkörperung durch den Schauspieler Volker Spengler es kaum die passenden Worte gibt. Spengler scheint beim Spielen ganz tief in sich selbst nach Elviras Charakter zu suchen, ohne das eigene Darsteller-Ego in den Vordergrund zu rücken. Eine großartige Leistung.

Volker Spengler als Elvira Weishaupt und Gottfried John als Anton Saitz

Gleich zu Anfang wird Elvira, nicht nur auf der Gender-Ebene eine Transfigur, also ein Mensch der Überschreitung von Grenzen, seelisch erniedrigt und körperlich misshandelt. Dann verlässt sie auch noch ihr Lebenspartner.
In einem aufregenden Wechsel aus Spielfilmsequenzen und eher ans Theater erinnernden Szenen begibt sich Elvira auf die Suche nach dem Glück – oder sollte man sagen: nach den Gründen ihres Unglücks? Einen wichtigen Anteil daran scheint der Immobilienspekulant Anton Saitz zu haben, dessen Traumatisierung aus der Gefangenschaft in einem Konzentrationslager herrührt. In einem Jahr mit 13 Monden handelt schließlich auch von den Spuren der Vergangenheit. In den Menschen. In Deutschland.

Wieviel Fassbinder steckt in diesem Film?

Zwangsläufig führt die Beschäftigung mit Rainer Werner Fassbinders Werk auf die Fährte von dessen Biografie. In einem Jahr mit 13 Monden drehte er unter dem Eindruck des Freitods seines Lebensgefährten Armin Meier – weshalb das Thema Selbstmord viel Raum einnimmt. Auch eine Abrechnung mit der Stadt Frankfurt und eine Auseinandersetzung mit dem früheren Vorwurf des Antisemitismus an Fassbinder sind deutlich zu erkennen. Wer sich für diese Hintergründe interessiert, sollte die Interviews – vor allem die Podiumsdiskussion von 1992, an der neben den beteiligten Schauspielern Elisabeth Trissenaar und Karl Scheydt auch Juliane Lorenz von der Fassbinder Foundation, der Dramatiker Heiner Müller und der bescheidene Spengler teilnehmen – aus dem Bonusmaterial unbedingt anschauen.

Diese illustre Runde hat mit dem Publikum eines gemeinsam: Sie diskutiert einen Film, der weit mehr als eine Sichtweise zulässt. Es gibt viel zu entdecken: Dazu tragen sowohl die schauerlichen Bilder aus einer Schlachterei und die poetischen Gänsehaut-Monologe als auch die Stars des Fassbinder-Ensembles wie Ingrid Carven, Gottfried John und Günther Kaufmann bei. Nicht zu vergessen Fassbinders Mutter Liselotte Pempeit in der Rolle einer Nonne, die nicht wirklich von der Existenz Gottes überzeugt ist. Ein echter Fassbinder-Witz, bei aller Melancholie und Härte.

WF

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