Irm Hermann und Rainer Werner Fassbinder: Die Unzähmbaren

Am 31. Mai wäre Rainer Werner Fassbinder 75 Jahre alt geworden. Einige Tage zuvor ist mit Irm Hermann einer der größten Stars seines Ensembles im Alter von 77 Jahren gestorben.

Filmgeschichten 31. Mai 2020

In Nachrufen kommt es nicht selten vor, dass von den Verstorbenen gesagt wird, sie würden eine große Lücke hinterlassen. Das gilt auch für Rainer Werner Fassbinder, der am 31. Mai 75 Jahre alt geworden wäre. Vor allem, weil sein schnelles Leben und sein gewaltiges Werk in die deutsche Filmlandschaft und Gesellschaft der 1970er Jahre einschlugen wie ein Meteorit. Diesen Krater kann man heute besichtigen – und sich viel Zeit dabei lassen. Ein Luxus, der dem Filmemacher selbst bekanntlich nicht vergönnt war. Beim Sichten trifft man dann auch auf die frühen Spuren von Irm Hermann. Die gelernte Verlagskauffrau war eine der ersten Eroberungen Fassbinders. In dem Sinne, dass er sie aus ihren alten Verhältnissen befreite, um ihr seine eigenen Fesseln anzulegen, so wie er es noch mit einigen anderen machen sollte.

Lieben ohne zu fordern – wie ist das möglich?

In Christian Braad Thomsens Dokumentarfilm Fassbinder – Lieben ohne zu fordern spricht Irm Hermann freimütig über diese entscheidende Phase ihres Lebens. "Wilde Zeiten", zu denen ein Selbstmordversuch mit Schlaftabletten gehört. Nicht nur in der Serie über Sorgen und Solidarisierungen des Arbeitermilieus, Acht Stunden sind kein Tag, spielte Irm Herrmann eine Frau aus jenen kleinbürgerlichen Verhältnissen, denen sie tatsächlich entstammte. Eine andere Filmrolle gestand Fassbinder ihr eigentlich nicht zu. 1975 trennten sich die Wege der beiden, zu Beginn der 1980er Jahre fanden sie in Berlin Alexanderplatz noch einmal zueinander. Während des Drehs der Szene, in der Irm Hermanns Figur von Gottfried Johns angespuckt und verprügelt wird, fühlte sich die Darstellerin zu Tränen gedemütigt. Fassbinder drehte weiter. Das habe zur Situation gepasst, erklärt Irm Hermann im Rückblick. Allerdings hätte sie die Verzweiflung sicher auch ohne persönliche Herabsetzung vor dem ganzen Filmteam spielen können.

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Szene aus "Angst essen Seele auf" – Einblick ins reale WG-Leben?

Wenn man von schöpferischen Menschen spricht, vermutet man oft, die Kreativen füllten eine innere Lücke aus, die sich bereits in der Kindheit aufgetan habe. Rainer Werner Fassbinder wuchs ohne biologischen Vater auf und entwickelte eine spezielle Beziehung zur Mutter. Lilo Pempeit spielte in etwa 20 seiner Filme mit – meist in nicht gerade schmeichelhaften Nebenrollen. Darunter Angst essen Seele auf, Fontane Effi Briest, Deutschland im Herbst, Die dritte Generation und In einem Jahr mit 13 Monden. Von einer etwaigen Wandelbarkeit seiner ihm größtenteils treu ergebenen Schauspieler*innen wollte Fassbinder wohl eh nichts wissen. Er selbst war als Schauspieler ausgebildet und begann seine Arbeit am Theater. Actiontheater. Anti-Theater. Titel die zur unruhigen Stimmung der 1960er Jahre passen, an deren Ausläufern Fassbinders Umtriebigkeit und künstlerische Radikalität noch herausstechen sollten – als er endlich Filme machen konnte, wovon er schon als kleiner Bub geträumt hatte. Fassbinder wurde immer mehr er selbst, und das schien er auch von den Mitgliedern seines Ensembles zu verlangen.

Die Flipperkugel, die als ständige Provokation auf einen zu rollt – und die man mit einer Mischung aus Überzeugung und Kunstfertigkeit zurückfeuert: Das perfekte Bild für Fassbinders Arbeitsweise

Irm Hermann teilte anfangs die Wohnung mit ihm. Man kann sich bestens vorstellen, dass diese zwei Charakterdarsteller des Lebens einander viel abverlangten. In Thomsens Film schildert Hermann, dass sie ihr Geld stets in Büchern versteckte und Fassbinder regelmäßig am Bücherregal wütete, wenn er welches brauchte – ob für Zigaretten oder fürs Flippern. Die von ihm heiß geliebten Spielautomaten passen gut ins Bild. Diese Kugel, die einem als ständige Provokation entgegen rollt und die man mit einer Mischung aus Kunstfertigkeit und Überzeugung wieder zurückfeuert. Alles ist gut, solange der Ball im Spiel bleibt. Zwar erlebte Fassbinder als Regisseur viele Widerstände, wurde nach der Vorführung seines Debüts Liebe ist kälter als der Tod auf der Berlinale vor 50 Jahren gar vom Publikum ausgebuht, doch konnte er sich bei der Arbeit richtig austoben. Und zwar, ohne sich jemals vollkommen selbst zu verwirklichen. Noch seinem plötzlichen Tod im Juni 1982 hängt ein Hauch von Inszenierung an. Kaum zu glauben, dass jemand, der sich bereits so verausgabt hatte, noch so viel Potenzial versprach. Das Fassbinder-Paradox.

Fassbinder mit dem Ensemble von "Katzelmacher"

Begriffe wie Liebe und Zärtlichkeit begegnen einem an vielen Stellen, wenn man sich im schon erwähnten Krater umschaut, den Fassbinders über 40 Spielfilme und zwei Dutzend Theaterstücke hinterließen – von seiner vereinnahmenden Persönlichkeit ganz zu schweigen. Irm Hermann definiert Liebe als Aufmerksamkeit. Und es war jene Aufmerksamkeit, die Fassbinder ihr schenkte, die sie aus dem Büro befreite und in seine Arme trieb, deren feste Umklammerung auch mal eine sanfte Umarmung sein konnte. Ihr Verhältnis zu Fassbinder beschreibt sie als Hörigkeit, ja er habe sie als sein Eigentum betrachtet. Und sie sagt es ohne jede Bitterkeit. Wenn man im Bild des eigeschlagenen Meteoriten bleibt, dann haben Fassbinder, Hermann und der Rest der "Familie" um Hanna Schygulla, Günther Kaufmann, Harry Baer, Peer Raben und viele weitere dafür gesorgt, dass einige Dinosaurier von der Bildfläche verschwanden. Dieser sich selbst hart disziplinierende aber für andere unzähmbare Haufen hat das Kino mal auf den Kopf, dann wieder auf die Füße gestellt. Das System durchgeschüttelt.

Aufmerksamkeit ist nur ein anderes Wort für Liebe

Jene unfassbare Wucht liegt auch an der Widersprüchlichkeit von Fassbinders Leidenschaften, womit nicht bloß seine antibürgerliche Haltung samt Bisexualität und sein unterschwelliger Kinderwunsch gemeint sind. Seine harsche Unangepasstheit in Kombination mit seiner Zuneigung zu Hollywood, seine Ablehnung des Kunstkinos und seine unkonventionelle Art Geschichten zu erzählen, sein Wunsch die Massen zu unterhalten und seine tief verinnerlichter Individualismus… Wenn man zu sehr an einem Flipper ruckelt, geht irgendwann nichts mehr. Es heißt: TILT. Wer weiß, wie lange Rainer Werner Fassbinder in dieser Form noch weiter hätte produzieren können, bevor ihm vom System der Stecker gezogen worden wäre. Sein Körper hat es schon mit 37 nicht mehr ausgehalten. Legendär ist Fassbinders Ausspruch: "Schlafen kann ich wenn ich tot bin".

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Irm Hermann singt mit den Goldenen Zitronen

Fassbinders Werk schläft nicht. Der deutsche Alltagsrassimus, um den es in seinem ersten Welterfolg Angst essen Seele auf geht, ist noch heute ein leidiges Thema. Darüber hinaus gibt es viele Details zu entdecken, die mit einer ganz eigenen Mischung aus Zärtlichkeit und Gewalt ihren Platz in seinen Filmen gefunden haben. Irm Hermanns große Persönlichkeit aber scheint sogar erst nach der prägenden Zeit mit Fassbinder so richtig erwacht zu sein. Sie spielte Theater auf den wichtigsten Bühnen des Landes und fand in Schlingensief einen weiteren Regisseur, dem sie viel von ihrer Kraft zuteil werden ließ. Diese Woche ist Irm Hermann im Alter von 77 Jahren gestorben. Ohne ihren kongenialen Beitrag wäre das Werk Rainer Werner Fassbinders nicht vorstellbar. Die zwei Ikonen zusammen am Flipper. Wiedervereint. Er mit Zigarette und Lederjacke, und sie mit diesem typischen, unsicheren bis herablassenden Blick. Ein schönes Bild. Und viel tröstlicher als jede Lücke.

WF

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