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Alexander Kluge: Abschied von einem Freund

Der Chronist der Gefühle, Regisseur und Autor ist im Alter von 94 Jahren verstorben. Er hinterlässt ein künstlerisches Werk, das uns freundschaftlich verbunden bleibt.

27. März 2026

Man hatte die Worte noch frisch in Erinnerung, mit denen Alexander Kluge seinen großen Zeitgenossen Jürgen Habermas verabschiedet hatte, da kam die Nachricht, dass auch Kluge verstorben sei. Habermas wurde 96, Kluge 94 Jahre alt, und beide prägten das Geistesleben der Bundesrepublik Deutschland auf ihre je eigene Art. Während Habermas ein Philosoph und Soziologe von akademischem Weltrange war, kann man Kluge als Universalkünstler bezeichnen – ein feiner Unterschied zum Universalgelehrten, auch wenn eine gewisse Gelehrtheit sowie ein Streben nach beständigem Weiterlernen immer Teil seiner Arbeit gewesen sind.

Ob als Filmemacher oder Autor, Kluge verstand sich selbst als Erzähler. Man kann die Welt erklären, wenn man viel über sie weiß, oder man kann davon erzählen, was man für seine wichtigsten Erkenntnisse über diese Welt hält – das eine endet nicht selten im unbescheidenen Kommandoton, das andere klingt im schönsten Falle wie Musik. Wenn man Alexander Kluge zuhört, ganz gleich, ob er Fragen findet oder Antworten sucht, dann erklingt dabei die Melodie einer Stimme, die von Bescheidenheit zeugt und sich voller leidenschaftlicher Sensibilität dem Schicksal der Menschen widmet. Manche Interviews mit ihm ähneln Schallplatten, die man immer wieder hören möchte.

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Es gibt unzählige Beispiele dafür, wenn man das Internet gezielt durchforstet. Kluge machte selbst Fernsehen (in einer Nische des aufkommenden Privatfernsehens) und trat in TV-Sendungen auf. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit, aus der man seine umfassende "Chronik der Gefühle" hervorheben muss, in der Kluge eine Parallelgeschichte zur Geschichte der Historiker*innen verfasste, war er über viele Jahre als Filmemacher aktiv. Für jemanden, der dem Fragmentarischen in seiner künstlerischen Arbeit einen höheren Wert als dem großen Ganzen beimaß, müssen die einzelnen Bilder eines Films von jeher eine Verlockung dargestellt haben. Letztlich fanden sie in seinem Werk zusammen, auch wenn sie auf den ersten Blick nicht zusammengehörten. Darin ähneln sie den Gedanken des Künstlers.

Die bundesdeutsche Nachkriegsgeschichte ist untrennbar mit Kluges Wirken verknüpft. Für ihn gab es auch keine Alternative zur kritischen Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit unter nationalsozialistischer Herrschaft, in der seine Jugend sich abspielte. Im heute legendären Jahr 1968 produzierte Kluge einen heute legendären Film. Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos erzählt vom Dilemma der Kultur, die man in ihrer Betriebsamkeit und Publikumswirkung so lange mit einem Zirkus verglichen hatte, bis sie in Kluges Essay nicht mehr hinter dem Vorhang der Metapher verschwinden konnte. Dem Artisten, der Elefanten in die Zirkuskuppel hieven wollte, um in seinem alten Metier neue Anreize zu schaffen, wird ein handwerklicher Fehler am Trapez zum Verhängnis. Seine Tochter möchte daraufhin einen eigenen, reformierten Zirkus aufbauen.

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In stürmischsten Zeiten mischte sich Alexander Kluge noch etwas deutlicher in politische Geschehnisse ein. So steuerte er ein eigenes Kapitel zum Episodenfilm Deutschland im Herbst bei, der sich mit dem Phänomen des RAF-Terrorismus und der Reaktion der Staatsgewalt auseinandersetzte. Gemeinsam mit Volker Schlöndorff, Stefan Aust und Alexander von Eschwege porträtierte er kurz darauf in Der Kandidat den potenziellen Kanzler Franz Josef Strauß (das Bild über diesem Artikel zeigt ihn mit Krawatte im Kreise seiner Mitstreiter).

Alexander Kluge war zeitlebens ein Kritiker von Allmachtsphantasien, Rücksichtslosigkeiten und die sie ermöglichende Obrigkeitshörigkeit, er blieb dafür stets ein Freund aller möglichen Gedanken, die zur Versöhnung des Einzelnen mit der Gesellschaft beitragen. So haben wir alle am 25. März 2026 einen Freund verloren. Was uns bleibt, ist die Gegenwart seiner Bilder und Ideen.

WF

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