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Wim Wenders: Portugiesische Momente

Wim Wenders’ Lisbon Story und Der Stand der Dinge gehören zusammen. Beide handeln von zerrissenen Figuren und der Zusammensetzung von Filmen – und sie zeigen die wundervollen Eigenheiten Portugals.

Filmgeschichten 27. Mai 2020

1995 war ein politisch bewegtes Jahr. Einige Europäer*innen dürften sich noch an den 26. März jenes Jahres erinnern. Damals wurde der "Schengen-Raum" zwischen Belgien, Deutschland, Frankreich, Luxemburg, den Niederlanden, Portugal und Spanien ohne Grenzkontrollen eröffnet. Bereits 1994 drehte Wim Wenders Lisbon Story, eine Art Spin-Off seines Films Der Stand der Dinge von 1982, der zumindest teilweise in Lissabon verortet ist. In Der Stand der Dinge geht es um die Dreharbeiten zu einem Science-Fiction-Film namens The Survivors, der von Patrick Bauchau gespielte Regisseur trägt den sprechenden Namen Friedrich Munro, in Lisbon Story ist gar Friedrich Monroe daraus geworden.

Das Filmset aus "Der Stand der Dinge"

Das Filmset aus "Der Stand der Dinge"

Dieser Monroe schickt nun eine Postkarte aus der portugiesischen Hauptstadt an seinen alten Kumpel, den Toningenieur Philip Winkler. In dieser Rolle reist Rüdiger Vogler mit einem klapprigen Auto bereits durch die neue Schengener Freiheit – von Deutschland bis an die Atlantikküste. Hier trifft er jedoch nicht auf den Filmemacher, den er erwartet hatte. Stattdessen begegnet Winkler im Haus, dessen Adresse auf der Postkarte angegeben war, ein paar Kindern – und der Band Madredeus, die sehr berührend traditionellen Fado mit anderen Pop-Stilarten verbindet. Außerdem findet er das Equipment Monroes und Filmmaterial vor. Winkler schaut sich die Bilder der Stadt an, die Monroe in Schwarzweiß gedreht hat. In den folgenden Tagen begibt er sich an Orte in der Umgebung, die der Regisseur zu diesem Zweck besucht hatte und beginnt mit den Aufnahmen für die Tonspur. Gleichzeitig bleibt Winkler auf der Suche nach Monroe – und entdeckt allmählich Lissabon.

Pessoa und die Poesie der Kinder

Pessoa und die Poesie der Kinder

Mit Der Stand der Dinge konfrontiert Wim Wenders zu Beginn der 1980er-Jahre die Öffentlichkeit mit essenziellen künstlerischen Befindlichkeiten. Die Charaktere des Films sitzen für einige Zeit in Portugal fest und kommen ins Grübeln über ästhetische Fragen und eigene Perspektiven. Als europäischer Filmemacher hadert Munro mit den Konventionen Hollywoods. Die Amerikaner wollen, dass er in Farbe dreht, außerdem bestehen sie darauf, dass der nachdenkliche Existenzialist eine Geschichte erzählt. Sie wollen eine richtige Story und drehen vorerst den Geldhahn zu. Hintergrund sind Wenders’ persönliche Erfahrungen in den USA während der Arbeit an seinem Krimi Hammett. Womöglich hat sich der Autorenfilmer mit Der Stand der Dinge wieder mehr Luft verschafft. Jenen Atem, den er für die Verwirklichung seiner 1980er-Welterfolge Paris, Texas und Der Himmel über Berlin braucht.

Der Regisseur hat alles im Blick, aber die Finanzen…

Der Regisseur hat alles im Blick, aber die Finanzen…

1991 macht er sich dann an ein Herzensprojekt, den weltumspannenden, futuristischen Roadmovie Bis ans Ende der Welt, in dem es über fünf Stunden lang auch um die Rolle der Bilder in einer Zeit der immer lauter krakeelenden Werbung geht. Eine Bilderflut, die solche Bilder, die früher einmal Geschichten erzählten, vereinnahmt, um Dinge zu verkaufen. Wenders bleibt beim Thema. Die Kommerzialisierung und Formatierung von Begriffen wie "Bilder" oder "Geschichten" – davon handelt 1994 auch Lisbon Story. Bevor Winkler zu Beginn des Films in seine Klapperkiste steigt, präsentiert uns Wim Wenders ein visualisiertes zeitgenössisches Medienecho zur Medienkrise. Im Auto hört Winkler Radio – zwischen Reizüberflutung und spannenden Einflüssen lässt er sich von den wechselnden Programmen berieseln und staunt über die offenen Grenzen, bis der Reifen platzt.

Auch "Lisbon Story" ist gewissermaßen ein Road Movie

Auch "Lisbon Story" ist gewissermaßen ein Road Movie

In Lisbon Story bleibt Wenders nah und konsequent bei dieser Figur des zerstreuten Sammlers und bei seinen ursprünglichen Motiven, während er sich selbst viel Zeit lässt, um Lissabon zu erkunden. Das gibt der "Handlung" eine besonders intime Stimmung und betont Wenders’ sensibles Händchen im Umgang mit seinen "Geschichten". Geschichten sind eben nicht nur Geschichten, der Score, den wie für Der Stand der Dinge wieder Jürgen Knieper komponierte und der auch Krautrock von Can-Legende Irmin Schmidt enthält, ist nicht bloß ein Score. Alles hängt zusammen, so wie die Musik von Madredeus und die Stadt Lissabon unzertrennlich sind. Jedenfalls erklärt deren Sängerin das Philip Winkler in einem romantischen Moment. Natürlich verliebt er sich in sie – wir befinden uns in einem wahren Kinodrama, in dem die Möglichkeiten grenzenlos sind. Jedenfalls beinahe…

WF

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