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Der wildeste, der stylischste und der "schlechteste" Film von Godard

Mit Godard durch die 60er: Ab sofort gibt es drei frühe Filme des Kultregisseur im ARTHAUS-Sortiment. Der experimentell-marxistische Weekend, der ruhige und stylische Eine verheiratete Frau und sein, so Godard, "schlechtester Film" Die Außenseiterbande, den Quentin Tarantino für den besten hält.

08. Mai 2026

Eine verheiratete Frau (1964)

Poetische Schwarz-Weiß-Fragmente. Stylishe Wohnungen, Kleider, Frisuren. Klare Bildkompositionen. Gehauchte Worte. Alltagsgeräusche. Und immer wieder im Hintergrund: Beethoven. Mit diesen Elementen erzählt Godard 24 Stunden aus dem Leben der titelgebenden Moderedakteurin und verheirateten Frau Charlotte, die von Mache Méril gespielt wird. Wir sehen in diesen vermeintlich ruhigen Bildern, wie sich Charlottes Leben in dieser Zeit elementar zu verändern droht. Sie trifft sich mit ihrem Liebhaber Robert (gespielt von Bernard Noel), holt dann ihren als Pilot arbeitenden Mann Pierre (Philippe Leroy) vom Flughafen ab, verbringt einen Abend mit ihm, erfährt am nächsten Tag, dass sie wieder schwanger ist und bringt am Ende ihren Liebhbaber zum Flughafen Orly.

Godard selbst benutzte gerne die Formulierung, Eine verheiratete Frau sei "aus Fragmenten eines 1964 gedrehten Films" zusammengesetzt – womit er aber die subtile Wirkung dieses Puzzles ein wenig zu sehr runterspielt. Interessant ist auch die Rezeption dieses frühen Films – einige Rezensionen fragten zum Beispiel, ob Godard sich hier als "sexistischer Feminist" zeigen würde, weil er dokumentiere, wie Frauen von der Gesellschaft, der Mode, der Werbung manipuliert werden, in seiner Erzählung aber mitschwingen würde, dass sie das bereitwillig über sich ergehen ließen.

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Die Außenseiterbande (1964)

Schon der Titel schreit nach Gangsterfilm – und das trifft die Sache, wobei Godard hier eher eine Gangsterparodie gedreht hat. Anna Karina (als Odine), Claude Brasseur (als Arthur) und Sami Frey (als Franz) spielen hier eine kriminelle und intime Ménage-à-trois durch. Odile arbeitet als Au-pair-Mädchen in Paris. Franz, ein Bekannter aus ihrem Englischkurs, macht sie mit seinem Freund Arthur bekannt. Gemeinsam wollen sie das Geld von Odiles Arbeitgeberin rauben. Während sich Odile und Arthur ineinander verlieben, geht der geplante Coup natürlich total schief.

In diesem Film überrascht vor allem der leichte Ton und die für Godard sehr zugängliche Erzählweise – die er selbst Jahre später als ziemlich langweilig empfand. Kinokenner wissen natürlich, dass der Originaltitel Bande à part Quentin Tarantino dazu inspirierte, seine eigene Produktionsfirma A Band Apart zu nennen.

Tarantino nennt Godard eh recht oft als Hauptinspiration und sagte mal: "Für mich hat Godard für den Film das getan, was Bob Dylan für die Musik getan hat: Beide haben ihre jeweiligen Kunstformen revolutioniert."

Die Verehrung war allerdings eher eine Einbahnstraße, denn Godard wiederum schätzte Tarantinos Arbeit weniger. Er sagte die auch im Kontext dieses Artikels sehr spannenden Sätze: "Ich halte seine [Tarantinos] Arbeit für wertlos. Er hat den Titel eines meiner schlechtesten Filme gewählt, um seine Produktionsfirma zu benennen. Das überrascht mich überhaupt nicht." Wir möchten an dieser Stelle ins Jenseits rufen: "Hey, Jean-Luc, so schlecht ist Die Außenseiterbande nun wirklich nicht!"

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Weekend (1967)

Es gibt Momente im Leben, da glaubt man, das Schicksal habe sich gegen einen verschworen. Das junge Paar Corinne (Mireille Darc) und Roland (Jean Yanne) erlebt so einen Tag in den 60er-Jahren, als sie mit dem Auto auf dem Weg zu Corinnes Vater sind, der ihnen sein Testament vorstellen will. Sie geraten in einen Unfall, werden Zeug*innen von zahlreichen weiteren brutalen bis aberwitzigen Staus und Crashes, müssen zu Fuß weiterlaufen, werden von marxistischen Philosophen belehrt, treffen Emily Brontë, die eigentlich in ihrem Heimatdorf Haworth in der Familiengruft ruhen sollte und sehen sogar Alice im Wunderland, die es nach dem Kaninchenbau nun anscheinend auf eine französische Straße verschlagen hat. Was sie vermutlich gar nicht so sehr verwirrt, weil diese Straße durch einen Experimentalfilm von Jean-Luc Godard führt – und da geht es auch nicht viel aufgeräumter zu als beim Tee mit dem Verrückten Hutmacher. Fehlte eigentlich nur noch ein Franz Kafka, aber dessen Geist scheint eh mit der Essenz des Films verschmolzen zu sein.

Weekend ist wirklich harte Kost und zeigt Godard "unhinged", wie man heute sagen würde. Wer sich drauf einlässt und wem bei den bewusst dilettantischen Shots, seltsamen Belichtungen und der freidrehenden Handlung nicht schwindelig wird, hat ein Filmerlebnis vor sich, das man nicht so schnell vergisst.

Godard warnt übrigens selbst zu Beginn, Weekend sei "ein Film, verirrt im Kosmos" oder "ein Film, gefunden auf dem Schrotthaufen." Deutschlandfunk Kultur schreibt ganz treffend: "Godard im Dienst des Klassenkampfes in einem Film, der ideologisch, ästhetisch und dramaturgisch ganz und gar aus einem anderen Jahrhundert stammt. Weekend endet mit einer Schrifttafel, auf der zu lesen steht ‚Fin du Cinéma‘ – das Ende des Kinos. Das Kino war aber nicht zu Ende und auch nicht bei Godard selbst."

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DK

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