Die Romane der Schriftstellerin Jenny Erpenbeck sind Bücher von Weltrang, als erste deutsche Autorin wurde sie mit dem International Booker Prize bedacht. Volker Schlöndorff ist einer der bedeutendsten deutschen Filmemacher der Nachkriegszeit, und genießt als Oscargewinner ebenfalls eine Reputation, die weit über die Grenzen seines Heimatlandes hinausweist. Stichwort Heimat: die beiden Künstler*innen verbindet nicht nur eine jeweilige Liebe für das Metier des anderen – Erpenbeck arbeitete selbst als Regisseurin, Schlöndorff ist ausgewiesener Spezialist für Literaturverfilmungen –, sie setzen sich in ihren Lebenswerken auch beide ganz bewusst mit deutscher Lebensrealität auseinander.
Während Schlöndorffs politisch aktivste Kinozeit wohl in den 1970er Jahren liegt und er sich in Filmen wie Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder Deutschland im Herbst der damaligen Gewaltspirale in der Bundesrepublik sowie im Weltkriegs-Epos Die Blechtrommel der Nazi-Vergangenheit widmete, verfolgt die 1967 in Ost-Berlin geborene Erpenbeck auch eine Aufarbeitung des Lebens in der DDR. Deren Ende kommentierte sie bekanntlich so: "Die Freiheit war ja nicht geschenkt. Sie hatte einen Preis, und der Preis war mein gesamtes bisheriges Leben."
Bewegte Zeiten, bewegende Zeiten © Studiocanal/Ziegler Film
Nun kommt zusammen, was naheliegt: Schlöndorff verfilmt Erpenbeck. In ihrem Bestseller "Heimsuchung" aus dem Jahr 2008 erzählt Erpenbeck die bewegte Chronik eines Hauses am See bei Berlin, von der Weimarer Republik bis zum Fall der Mauer und darüber hinaus. Ein Domizil, das so manchen ein Zuhause bedeutet, eine Zufluchtsstätte, wo man allerdings dem Spuk der Verhältnisse nicht entkommen kann. Und vor allem lässt sie in ihrem großen deutschen Roman Biografien Revue passieren, die sowohl mit politischen Grundfesten, dem neusachlichen Gemäuer und dem pittoresken Grundstück, als auch mit dem besagten Spuk zusammenhängen, damit diese wie jener nicht in Vergessenheit geraten. Eine Gesellschaft besteht eben aus den Geistern, die sie rief und aus den Gespenstern derer, die aus ihrer Mitte verstoßen wurden.
Erpenbeck erzählt davon so meisterhaft, wie Schlöndorff die Figuren wiederum für seine große Kinoadaption lebendig macht. Der große Autorenfilmer, der in seiner beeindruckenden Karriere literarische Kolosse wie Günter Grass, Arthur Miller, Robert Musil oder Heinrich Böll verfilmte, bleibt der Vorlage in diesem Fall besonders treu und schenkt der soghaften Handlung eine opulente Sachlichkeit, die dem Wesen der Geschichte entspricht – als ganzheitlicher Geschichtenerzähler natürlich von der ersten Seite des Drehbuchs bis zum Schuss der letzten Szene. Er kann dafür auf ein absolutes Star-Ensemble der heimischen Kinolandschaft zurückgreifen. Wenn Schlöndorff vor die Kamera bittet, sind alle gerne dabei: Lars Eidinger, Martina Gedeck, Ulrich Matthes, Detlev Buck, Susanne Wolff, Angela Winkler und nicht zuletzt David Bennent.
Schlöndorff schafft es bei aller ihm eigenen erzählerischen Präzision, die persönliche Note der Geschehnisse zu erhalten, die Jenny Erpenbeck zum Teil der eigenen Erinnerung entlehnte – an die Zeit bei ihren Großeltern am Scharmützelsee, wo denn auch Dreharbeiten für Heimsuchung - Eine Jahrhundertgeschichte stattfanden. Diese emotionale Genauigkeit spiegelt sich in den Ereignissen des Films, der einem die Traumata deutscher Geschichte anhand der Schicksale jener echten Menschen vor Augen führt, die Erpenbeck auf den Seiten ihres Romans erschuf. Ein Film, den man gesehen haben muss, auch wenn man das Buch nicht gelesen hat, und den man nicht verpassen darf sollte, wenn man das Buch schon kennt.
WF