Intimacy: Echter Sex und ein intimes Detail

Vor knapp 20 Jahren gewann der 2013 verstorbene Regisseur Patrice Chéreau mit Intimcay den Goldenen Bären. Öffentlich diskutiert wurde der "Skandalfilm" dann vor allem wegen seiner Liebesszenen, die manchem zu authentisch waren. Darf seriöse Kunst so "direkt" sein?

Filmgeschichten 17. Oktober 2019

Wenn ein Film von wahren Gefühlen handelt und sie beim Publikum hervorzurufen vermag, wird sich keiner beschweren. Sobald er sich drastischer Mittel bedient, um diese Gefühle aus uns herauszukitzeln, liegt die Sache schon anders. Dabei spielt die Frage der Grenzüberschreitung in der Kunst immer eine wichtige Rolle, da macht das Kino keine Ausnahme. 2001 übertrat der französische Regisseur Patrice Chéreau für manchen eine Schwelle, über die zur gleichen Zeit auch einige andere Filmemacher*innen gingen – zum Beispiel Catherine Breillat in Romance. In seinem psychologischen Drama Intimacy haben die Hauptdarsteller*innen Mark Rylance und Kerry Fox "echten" Sex miteinander, sofern man Geschlechtsverkehr vor der Kamera so bezeichnen kann. Der Begriff der Intimität hat hier also einen doppelten Boden. Wir rücken den beiden echt auf die Pelle.

Was Sie schon immer über Gefühle wissen wollten und nie zu fragen wagten

Es ist meist der Boden von Jays Single-Butze, auf dem er mittwochs mit Claire vögelt. Die saloppe Ausdrucksweise scheint gerechtfertigt, denn die Beziehung hat etwas Vogelfreies an sich – keine Worte, keine Verpflichtungen. Völlige Ungebundenheit! Das können Jay und Claire normalerweise nicht von sich behaupten. Sie haben jeweils noch ein anderes Leben oder haben es zumindest mal gehabt: Jay hat Frau und Kinder verlassen und den Traum vom Musikerdasein gegen den Alltag eines Barkeepers eingetauscht, Claires Ehemann ist ein schlichtes Gemüt, ein Taxifahrer, der am liebsten Bier säuft und Billard spielt, sie hat mit ihm einen kleinen Sohn. Das erfährt Jay, als er ihr nach einem der Schäferstündchen folgt. Regisseur Chéreau wirft nicht nur bei dieser "Observierung" geschickt die Frage auf, welche Arten von Intimität es eigentlich gibt und wie es passieren kann, dass sich jemand in seiner Intimsphäre verletzt fühlt. Er fragt aber auch: Was ist eine Beziehung ohne Verletzungen wert?

Was Ingmar Bergman damit zu tun hat

Intimacy basiert auf Geschichten des Schriftstellers Hanif Kureishi, der mit "Der Buddha aus der Vorstadt" und "Mein wunderbarer Waschsalon" weltberühmt wurde. So spielt der Film in London, Kureishis Turf, und die Beengtheit so mancher Verhältnisse in dieser übergroßen Metropole wird an Orten wie ihren Bars, Pubs, Taxis, Hinterzimmertheatern, Junggesellenherzen und Betten wohl am deutlichsten. Es kommt einem nicht wie ein Treppenwitz des Films vor, in dem die Liebesszenen nicht gespielt sind, dass Claire eine eher mäßig talentierte Schauspielerin ist und sogar Schauspielunterricht gibt. Zu ihren Schülerinnen gehört die von Marianne Faithfull gespielte Betty. Vielleicht doch ein Joke? Popstar Faithfull gilt als Künstlerin, die lange Zeit vor allem wegen ihres "Privatlebens" in den Schlagzeilen stand – berühmt für ihre Affäre mit Mick Jagger und die angebliche Verwicklung in den Tod einen gewissen Jim Morrison. Doch Patrice Chéreau meint es ernst: Er schickt all seine Figuren auf harten Konfrontationskurs, lässt sie ihre wahren Gefühle leidenschaftlich verhandeln. Und wenn Claire und Jay wortlos miteinander Sex haben, treten ihre Sehnsüchte und ihre Hilflosigkeit am krassesten zutage.

Ohne Worte verstehen sie sich am besten. Oder ist ihre Affäre von Anfang an ein Missverständnis?

Menschen sind doch die komplexesten Tiere des Planeten – ein Film kann so etwas wie ein Besuch im Zoo auslösen: Man beobachtet andere Wesen, die einem in vielen Punkten durchaus ähnlich sind, sieht sie in ihrem natürlichen und doch stets künstlichen Alltag, schaut sich Gruppendynamiken oder gar ihr Sexualverhalten mal genauer an – und denkt dabei an sein eigenes Sozialleben. Aber ein Film zieht einen selbstverständlich anders in den Bann. Schade, dass manche Kritiker*innen davor sitzen bleiben wie Zoobesucher*innen vor dem Pavianfelsen. So wehrte sich Patrice Chéreau zurecht gegen schiefe Vergleiche mit Bertoluccis Der letzte Tango in Paris und verwies auf Ingmar Bergman als Filmemacher, dessen Werk ihn wirklich geprägt habe. Auch nach dem Gewinn des Goldenen Bären auf der Berlinale blieb es das intimste Detail von Intimacy: Es geht es darin gar nicht um Sex, es geht vielmehr um etwas, das man nicht in Worte fassen kann. Bergman hatte es 1963 im Zuge der Diskussion um seinen Skandalfilm so ausgedrückt: "Über Das Schweigen will ich nicht diskutieren. Ich finde in dieser Diskussion ist der Film selbst meine einzige Antwort. Da will ich wirklich schweigen." Ja, manchmal ist Schweigen einfach noch besser als Sex. Verzeihung, Gold.

WF

Filme zu diesem Thema

Weitere Artikel zum Thema

Kategorien

Arthaus Stores

Social Media