Detailsuche

Bild zu Nervenzusammenbrüche auf Kika: Der frühe Pedro Almodóvar bei ARTHAUS+

Nervenzusammenbrüche auf Kika: Der frühe Pedro Almodóvar bei ARTHAUS+

Auf unseren Kanälen von ARTHAUS+ auf Apple TV und Amazon gibt es seit diesem Monat einige der früheren Filme von Pedro Almodóvar: wundervolle, poetische, schrille, bunte, skandalöse, abgründige, erotisch aufgeheizte Geschichten, die uns auch heute noch eine große Freude bereiten.

News/Neu erschienen 25. Juli 2022

Wenn man sich das Leben von Pedro Almodóvar so anschaut, könnte man fast den Eindruck gewinnen, da habe jemand seine Finger im Spiel, der seinen Humor teilt. Wobei diese Aussage wohl wieder mit Almodóvars Atheismus kollidieren würde, den er ironischerweise seiner nicht so glücklichen Schulausbildung im Kloster verdankt. Aber nehmen wir allein die Tatsache, dass erst ein Job als Angestellter Almodóvars kreatives Schaffen als Regisseur und Drehbuchautor auf den Weg brachte. Das kann man sich doch nicht besser ausdenken! Der Sohn einer Arbeiterfamilie vom Lande schlug sich zwar schon ab seinem 16. Lebensjahr in Madrid mit diversen Jobs durch und war zum Beispiel Kurzfilmer, Comicschreiber, Herausgeber von Fotoromanen, Schauspieler und Musiker – aber so richtig zu Papier konnte er seine Ideen erst bringen, als er einen klassischen 9-to-5-Job bei einem Telekommunikationsunternehmen angenommen hatte. Tagsüber forderte ihn die stoische Arbeit kaum, ließ ihm viel Raum für die eigenen Gedanken und abends schrieb er dann Geschichten, Filmideen, Szenen, die er sich auf Schicht ausgedacht hatte.

Was dann folgte, ebnete den Weg zu einer der reichsten und unterhaltsamsten Regiekarrieren Spaniens (ach was, der Welt!). Vor allem seine Zeit in der Theatergruppe Los Goliardos und die Movida madrileña formte dabei die frühen Filme von Pedro Almodóvar. Unter diesem Begriff formierte sich ab den späten 70ern die aufbegehrende, hedonistische, queere Jugend Madrids, die mit Punkmusik, Theater, Mode, Poesie, Literatur und eben Film die Franco-Zeit abschütteln wollte – wobei Almodóvar stets sagte, es seine keine Bewegung gewesen, sondern nur "eine Gruppe Menschen, die in einer der explosivsten Zeiten unseres Landes aufeinandertrafen". Vor allem Almodóvars Filmdebüt Pepi, Luci, Bom und der Rest der Bande von 1980 lebte den Geist dieser Zeit. Aber auch in den Folgejahrzehnten blieben das Schrille, das Hedonistische, das Exaltierte, das die Movida madrileña auszeichnete, vertraute Stilelemente in den Filmen von Pedro Almodóvar.

Das Kloster zum heiligen Wahnsinn (1983)

Auf ARTHAUS+ gibt es gerade einige seiner früheren Filme zu sehen. Der älteste ist dabei die schrille, überaus unterhaltsame und nur dezent ketzerische Kloster-Farce Das Kloster zum heiligen Wahnsinn. Darin folgen wir der süchtigen Nachtclub-Sängerin Yolanda, die nach dem Drogentod ihres Freundes in einem Kloster am Rande der Stadt zu Sinnen kommen will. Leider hat sie sich dabei eines ausgesucht, das Almodóvars Fantasie entsprungen ist. Obwohl dieser durch seine Zeit in der Klosterschule die Doppelmoral und die Autorität der katholischen Kirche verachtete, nimmt er hier auf seine Weise Rache und bevölkert das Kloster mit Nonnen, die jedem verklemmten Pastor die Schamesröte ins Gesicht treiben. Eine der Schwester schreibt zum Beispiel pornöse Schundromane, eine andere hält einen Tiger als Haustier, eine weitere nimmt eifrig LSD und verkauft ihre Trips als göttliche Visionen – und die Oberschwester ist lesbisch, drogensüchtig und schnell in Yolanda verknallt.

Das Kloster zum heiligen Wahnsinn © Arthaus / Studiocanal

Das Kloster zum heiligen Wahnsinn © Arthaus / Studiocanal

Das Gesetz der Begierde (1987)

Dieses bewusst zugleich kitschige und drastische Melodram war in vielerlei Hinsicht bedeutend für Pedro Almodóvars Werk. Zum einen, weil Das Gesetz der Begierde die erste Produktion seiner Filmgesellschaft El Deseo war, die er 1985 mit seinem Bruder Agustín gründete, zum anderen, weil es der erste Film von ihm war, der auch in Deutschland gezeigt wurde, das ihm seither bekanntlich äußerst wohlgesonnen ist. In dieser Geschichte geht es um queere Liebe, Transsexualität, Einsamkeit, Leidenschaft, Mord, Totschlag und Inzest – alles innerhalb der Künstler*innen-Szene Madrids. Eine Filmkritik aus der Zeit schrieb über den Film: "So ist dies eine derbe Gratwanderung zwischen Schmalz und Widerwärtigkeit." Das können wir so unterschreiben, würden aber irgendwo noch das Prädikat "extrem unterhaltsam" einfügen.

Das Gesetz der Begierde © Arthaus / Studiocanal

Das Gesetz der Begierde © Arthaus / Studiocanal

Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs (1988)

In einem Interview sagte Pedro Almodóvar einmal: "Mein Ideal einer Geschichte ist eine Frau, die sich in einer Krise befindet." Polemisch betrachtet könnte man sagen, er habe seinen Leitsatz für diesen Film potenziert oder schlichtweg auf die Spitze getrieben. Was allerdings auch für viele andere Dinge in diesem Film gilt. Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs ist überdreht, bewusst auf Farce getrimmt, laut, unglaubwürdig in Sachen Handlung und gerade deshalb vergnüglich, weil einfach alles an dieser Geschichte über die Synchronsprecherin Pepa und ihrem Geliebten Ivan dermaßen over the top ist, dass man sich Almodóvar breit grinsend und mit diabolisch leuchtenden Augen im Regiestuhl vorstellen darf.

Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs © Arthaus / Studiocanal

Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs © Arthaus / Studiocanal

Kika (1993)

Der Titel des letzten Films in unserer Liste hat natürlich hierzulande einen gewissen Witz, wo doch der größte Kinder-TV-Sender den gleichen Namen trägt. Almodóvars Kika ist aber alles andere als kinderfreundlich. Hier gibt es bizarre, schwarzhumorige Sexszenen, in denen zur Missionarsstellung noch Deeptalk, Klatsch & Tratsch und Fotosessions gereicht werden. Titelgebend und handlungstragend ist die von Veronica Forqué gespielte Kika, die inmitten von Gewalt, Verrat, Vergewaltigung und perversen chauvinistischen Machtspielen immer noch versucht, einen Lächeln und einen positiven Blick auf das Leben zu bewahren. Ein erzählerischer und moralischer Grenzgang, den so wohl nur ein Almodóvar hinbekommt.

Kika © Arthaus / Studiocanal

Kika © Arthaus / Studiocanal

Diese und viele weitere Filme gibt es auf unseren Kanälen von ARTHAUS+. Hier gibt es alle Informationen zu ARTHAUS+ auf Apple TV und hier geht's zum Channel bei Amazon.

Das könnte Ihnen auch gefallen

Dazu in unserem Magazin

Arthaus Stores

Social Media