Apocalypse Now: Vom Genuss des Ungenießbaren

Ist Gewalt auf der Leinwand konsumierbar? Über diese und weitere Fragen, die der erstmalige Genuss eines filmischen Meisterwerks auf der großen Leinwand aufwerfen kann.

Filmgeschichten 04. Oktober 2019

Vor ein paar Wochen hatte ich die Gelegenheit, Francis Ford Coppolas Kriegsfilmepos Apocalypse Now auf der großen Leinwand zu sehen. Restauriert und im Final Cut – für mich war dies hier das allererste Mal, den Film überhaupt zu sehen. Warum also nicht direkt die bestmögliche Version des Ganzen anschauen, dachte ich mir. Und war beim Rollen des Abspanns aber erstmal ziemlich erschlagen. Mein allererster Impuls ging sogar in eine ziemlich negative Richtung. So sehr hatten mich die drei Stunden zuvor gerade aufgewühlt und mitten hinein ins Herz der Finsternis geführt, in das ich so schnell nicht wieder zurückkehren wollte. Im Anschluss führte ich mit anderen Filmliebhabern angeregte Diskussionen über den Film. Denn einige konnten es partout nicht verstehen, wie ich Apocalypse Now bloß mit dem Urteil strafen könne, ihn nie wieder ansehen zu wollen. Für mich dagegen war diese Aussage als großes Lob zu verstehen. Denn Coppola hatte für mich etwas veranschaulicht, was einer seiner Regiekollegen viele Jahre später noch einmal ganz genau formulieren sollte.

Ein Abstecher in die Abgründe

Als Michael Haneke vor 22 Jahren seinen Home-Invasion-Schocker Funny Games in die deutschen Kinos entließ, zog der Terrorfilm über zwei Eindringlinge, die ein gutbürgerliches Ehepaar auf niederträchtigste Weise foltern, mitunter empörte Resonanzen nach sich. Hanekes französischer Regiekollege Jacques Rivette betitelte den Film nach seiner Premiere als „Schande“, in den USA gingen die Meinungen von „in höchstem Maße unangenehm“ bis „brillant“ auseinander. Rund zehn Jahre später lieferte Haneke selbst ein US-Remake mit Tim Roth und Naomi Watts in den Hauptrollen der drangsalierten Eltern. Haneke sagte über seinen Film, er hätte ihn gedreht, um zu veranschaulichen, dass Gewalt nicht konsumierbar ist. Damals, 1997, gab es brachiale Gewalt höchstens im nischigen Horrorkino zu sehen. Heute, im Jahr 2019, hat man seit der Erfindung des Horrorsubgenres „Torture Porn“ so ziemlich alles an körperlicher Folter zu sehen bekommen, was man sich überhaupt vorstellen kann.

Nun soll das hier allerdings keine Abhandlung über die aktuellen Auswüchse des Horrorkinos werden; so spannend diese im Anbetracht tiefenpsychologischer Genretrends (Ari Aster, Jordan Peele und Co. finden mittlerweile ganz andere Wege, um ihr Publikum zu schocken) auch wäre. Stattdessen möchte ich mich der anderen Seite kaum konsumierbarer Gewalt widmen und stelle offen die Frage, ob Hanekes Intention für Funny Games so überhaupt greifbar sein kann, oder ob es das Medium Film nicht auch gerade dafür braucht, um uns mit den finstersten Abgründe der menschlichen Psyche zu konfrontieren, um anhand dessen auch die in uns verborgene, dunkle Seite irgendwie zufriedenzustellen. Ist Gewalt auf der Leinwand wirklich nicht konsumierbar?

Nachdenklich: Martin Sheen alias Captain Willard © STUDIOCANAL GmbH

Die flirrende Hölle Vietnams auf der Leinwand

Was uns zurückbringt zu Apocalypse Now / The Final Cut. Im Zuge der Wiederaufführung von Francis Ford Coppolas Kriegsfilmmeisterwerk, das in Kürze in seiner restaurierten Fassung als DVD, Blu-ray und 4K Ultra Blu-ray erhältlich sein wird, zog es neben mir noch zahlreiche weitere Filmliebhaber in Kinos, die den sogenannten Final Cut noch einmal auf die große Leinwand sehen wollten. Die perfekt komponierten Bilder von Kameramann Vittorio Storato, Carmine und Francis Ford Coppolas beißend-pulsierender Score und die bis ins winzigste Detail ausgestatteten Filmsets erwachten 40 Jahre nach der Uraufführung von Apocalypse Now noch einmal zum Leben und entführten uns Zuschauer in die flirrende Hölle Vietnams; lassen uns quasi hautnah teilhaben am Wahnsinn des Krieges, in dem Zivilisten wie die Fliegen sterben und die Soldaten mit beißendem Zynismus ihr Handwerk verrichten – irgendwo zwischen emotionalem Zusammenbruch und blinder Vaterlandsgefolgschaft.

Nun lässt sich Apocalypse Now seine technische Brillanz und der stilsichere Perfektionismus, für den Francis Ford Coppola so bekannt ist, kaum absprechen. Bei der Oscarverleihung 1980 gewann der Film zwei Preise. Einmal für den „Besten Ton“ und einmal für die „Beste Kamera“. Nominiert wurde er derweil noch in sechs weiteren Kategorien, unter anderem als „Bester Film“. Hier musste er sich allerdings dem Scheidungsdrama „Kramer gegen Kramer“ geschlagen geben. Und natürlich gilt Apocalypse Now bis heute als einer der wegweisendsten Kriegsfilme überhaupt.

Die renommierte „Zeit“ schrieb einst sogar, nach ihm dürfe es eigentlich keinen anderen Kriegsfilm mehr geben. Was mich zur Ausgangsfrage führt, inwieweit Gewalt, mit der Krieg ja nun mal zwangsläufig einhergeht, filmisch denn nun wirklich und mit reinem Gewissen konsumierbar ist. Denn es ist natürlich noch einmal etwas ganz Anderes, ob sich mal jemand irgendwo die Geschichte eines krebskranken Serienmörders ausgedacht hat, der auf seinen letzten Lebenstagen systematisch Menschen foltert (Saw), oder ob sich jemand dazu entschließt, den echten Terror des Krieges – ganz gleich ob in Vietnam oder dem Dritten Reich – als Grundlage für eine Schreckensgeschichte wählt.

Marlon Brandos Col. Kurtz personifiziert die Konsequenz der sinnlosen Gewalt des Krieges © STUDIOCANAL GmbH

Bei der Wiederaufführung von Apocalypse Now befanden sich zu gleichen Anteilen Zuschauer, die den Film noch nie zuvor gesehen hatten im Kino (wie ich) und solche, für die es ein Rewatch sein sollte. Man kann sie also scheinbar doch konsumieren, die Gewalt. In Francis Ford Coppolas Vietnam-Epos wird sie bisweilen überstilisiert und über die üppige Laufzeit des Final Cuts von rund drei Stunden auch nur selten direkt gezeigt. Dennoch ist Coppola stets so nah dran am Geschehen und widmet sich darüber hinaus gerade den Auswirkungen des Krieges auf die Psyche der darin involvierten Soldaten und Opfer, dass man dennoch das Gefühl hat, die unverfälschte „Gewalt ist grausam!“-Quintessenz auf der Zunge zu schmecken. Was reizt einen daran, sich das immer wieder und wieder anzusehen? Und hatte es der Regisseur nicht eigentlich genau andersherum bezweckt?

Ich, Jahrgang 1991, habe Apocalypse Now im Rahmen der Wiederaufführung nun also zum allerersten Mal gesehen. Im Laufe der letzten Jahre kam ich in den zweifelhaften Genuss solcher Kriegsdramen wie Herz aus Stahl, Hacksaw Ridge oder Dunkirk, bei denen die Meinungen, ob es sich hierbei nun um Kriegs- oder Antikriegsfilme handele, stets weit auseinander gehen. Lässt sich bei Mel Gibsons Hacksaw Ridge noch ziemlich genau bestimmen, dass der Filmemacher die körperliche Gewalt einfach viel zu sehr auskostet, um glaubhaft zu verstehen zu geben, dass sie doch eigentlich verachtenswert ist, gehen Filme wie Herz aus Stahl und Dunkirk subtiler vor. Sie verweigern sich Heldenfiguren, da im Krieg kein Platz für sie ist, oder nutzen sie für inszenatorische Spielereien wie etwa das Greifbarmachen unterschiedlichen Zeitgefühls. Emotionen sucht man hier vergebens – und damit auch die negativen.

Im Falle von Apocalypse Now ist das anders. Francis Ford Coppola erstickt jeden Anflug von Menschlichkeit im Keim. Den perfekt durchexerzierten Bildern setzt er verachtenswerte Taten von blutrünstigen Soldaten gegenüber, sodass sich nicht einmal die technische Brillanz als Argument für den regelmäßigen „Genuss“ des Klassikers nennen lässt. Coppola hat bereits 1979 verstanden, dass Gewalt ab einem bestimmten Zeitpunkt tatsächlich nicht mehr konsumierbar ist. Egal von welch grausamer Schönheit, erzählerischer Aussagekraft oder passionierter Inszenierung sie auch sein mag. Damit hat der Filmemacher ein Meisterwerk vorgelegt, dass man zwar gesehen haben muss, dass ich mir aber kein zweites Mal anschauen werde.

Was Coppola wohl dazu sagen würde?

AW

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