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Von Übelkeit, Schande und Hirntod: Ausuferungen der Filmkritik

So wie es die Kunstfreiheit Filmemacher*innen erlaubt, Bewegtbilder nach ihrer Vision auf die Leinwand zu bringen, erlaubt es die Meinungsfreiheit Filmkritiker*innen, diese Werke in jedweder Form zu beurteilen – was unweigerlich zu Herabwürdigungen der extremen Art führen kann. Ein Blick auf drei historische Beispiele.

17. März 2021

"Die Beurteilung, Besprechung einer künstlerischen Leistung, eines Werkes" – so beschreibt der Duden die zentrale Aufgabe der Kritik. Die Filmkritik ist sicher so alt wie die Filmindustrie selbst: 1907 veröffentlichte die amerikanische "Variety" die nach unseren Maßstäben wohl erste Filmkritik in der Geschichte. Der Frage, ob jeder Kritiker und jede Kritikerin im Grunde selbst gescheiterte und neidische Kunstschaffende seien, wollen wir an dieser Stelle nicht nachgehen. Was wir aber immer wieder feststellen: In vielen Kritiken schwingt ein gewisser Hass mit – und der vom Duden herausgehobene Aspekt der künstlerischen "Leistung" findet oftmals keine Anerkennung in den Brandreden der Kritiker*innen. Wir haben für Sie drei der interessantesten, böswilligsten und komischsten Beispiele der Filmkritik gefunden, in denen die Autoren möglicherweise – oder sehr sicher – über das Ziel hinausgeschossen sind.

1. Peeping Tom (1960)

Michael Powells einst geschmähter Peeping Tom (1960) floppte an den Kinokassen und zerstörte die Karriere des einst gelobten Regisseurs. Seine Darstellung des Arbeiterlebens in Großbritannien war für diese Zeit äußerst provokant, denn im Gegensatz zu den Filmen des kitchen sink realism, die von den britischen Kritikern für ihre realistische Darstellung der Arbeiter gelobt wurden, ist das Unterschichten-Universum in Peeping Tom brutal schäbig. Der Film folgt dem einsamen Leben des Kameraassistenten und Teilzeit-Voyeurs Mark Lewis (Karlheinz Böhm) – einem schüchternen, zurückgezogenen jungen Mann, der die fiese Angewohnheit hat, Frauen zu ermorden und ihr grausames Ableben mit seiner speziell ausgestatteten Kamera zu filmen. Dass sich Len Mosley vom "Daily Express" aus der Fülle an medialen Zerrissen zu Peeping Tom hervorhebt, ist seinem (leicht) ausschweifenden Resümee und dem sprachlichen Bild zu verdanken, welches er in diesen wenigen Worten zeichnet:

"In den letzten dreieinhalb Monaten [...] habe ich meinen reiseverschmutzten Körper in einige der schmutzigsten und eiterndsten Slums Asiens gekarrt. Aber nichts, nichts, nichts – weder die hoffnungslosen Leprakolonien Ostpakistans, noch die Hinterhöfe Bombays, noch die Gossen Kalkuttas – hat bei mir ein solches Gefühl von Übelkeit und Depression hinterlassen, wie ich es diese Woche bekam, als ich mir einen neuen britischen Film namens Peeping Tom ansah. Mr Michael Powell [...] produzierte und führte Regie bei Peeping Tom und ich denke, er sollte sich schämen."

(Ehrenvolle Erwähnung: "Die einzige wirklich zufriedenstellende Art, Peeping Tom zu entsorgen, wäre, ihn aufzuschaufeln und schnell in die nächste Kanalisation zu spülen." – Derek Hill, "Tribune")

© Studiocanal

© Studiocanal

2. Das große Fressen (1973)

Gewählter Selbstmord durch exzessive Völlerei – vier männliche Freunde ziehen sich in eine große Stadtvilla zurück, um sich buchstäblich zu Tode zu fressen. Die Gründe dafür bleiben unklar, die Effekte dafür umso grafischer. Marco Ferreri zielte mit Das große Fressen (1973) ohne jeden Zweifel auf größtmöglichen shock value und Provokation ab. Legenden zufolge habe Catherine Deneuve den Film mit ihrem damaligen Partner Marcello Mastroianni, einem der vier Protagonisten in Das große Fressen, im Kino gesehen und daraufhin eine Woche lang nicht mit ihm sprechen wollen. Ähnlich dramatisch beurteilte auch der französische Philosoph und Intellektuelle Jean-Paul Sartre das Werk in der Illustrierten "Paris Match":

"Schande über die Produzenten dieses Films, Schande über den Regisseur, Schande über die Schauspieler ... mein Land ... unsere Epoche."

(Ehrenvolle Erwähnung: "Marco Ferreris Das große Fressen ist für die Gastronomie, was Der Exorzist für Das Lied von Bernadette ist, nämlich: Essen Sie vorher, denn hinterher haben sie keinen Hunger mehr." – Roger Ebert)

© Studiocanal

© Studiocanal

3. Twin Peaks - Der Film (1992)

Twin Peaks - Fire Walk with Me (1992) – der Film zur nun abgeschlossenen und drei Staffeln umfassenden Kultserie "Twin Peaks" wird von Fans heutzutage als Schlüsselelement der Serie um den mysteriösen Tod der Laura Palmer gefeiert. 1992 wurde er jedoch von Kritiker*innen und Zuschauer*innen gleichermaßen verrissen. Zu sehr wünschten sich letztere die liebenswürdig-kauzigen Figuren – allen voran Agent Dale Cooper, der letztendlich nur eine kleine Rolle im Film füllte – und eine inhaltliche Fortführung der zwei vorangegangenen Staffeln. Was sie bekamen, war eine intensive Auseinandersetzung mit dem bis dahin großen Mysterium: Laura Palmer und die tragischen Umstände ihres Todes. Die Kritiker in Cannes sorgten mit ausufernden Buh-Rufen für einen der desaströsesten Empfänge in der Geschichte des Festivals. Und so schrieb Vincent Canby von der "New York Times":

"Es ist nicht der schlechteste Film aller Zeiten, es sieht nur so aus. Die 134 Filmminuten leiten einen künstlichen Hirntod ein, ein Effekt, der auch ganz einfach erzielt werden kann, wenn man leuchtende Lichter auf einem Weihnachtsbaum anstarrt."

(Ehrenvolle Erwähnung: "Nachdem ich Fire Walk with Me in Cannes gesehen habe, ist David Lynch so weit in seinem eigenen Arsch verschwunden, dass ich keine Lust mehr habe, einen weiteren David-Lynch-Film zu sehen, bis ich etwas anderes höre." – Quentin Tarantino)

© Lorey Sebastian

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