Pedro Almodóvars Leid und Herrlichkeit: Auf dem Höhepunkt

Pedro Almodóvar gelingt mit dem autobiografisch motivierten Film über einen alternden Regisseur ein neues Highlight in seinem Werk. Antonio Banderas wurde für die Hauptrolle in Cannes als bester Darsteller prämiert.

Filmgeschichten 31. Mai 2019

Knapp 20 Jahre nach dem Oscar-Triumph Alles über meine Mutter darf Pedro Almodóvar gerade den großen Erfolg seines neuen Films Leid und Herrlichkeit in Cannes feiern. Deutscher Kinostart: 25. Juli 2019 bei Studiocanal. Umso schöner klingen die Loblieder der Kritik und des Publikums für den mittlerweile fast Siebzigjährigen, da Antonio Banderas in Leid und Herrlichkeit einen Mann spielt, dessen Leben durchaus den vergangenen siebzig Jahren von Almodóvars Leben ähnelt. Für seine großartige Leistung wurde Banderas mit der Goldenen Palme für den besten Darstellung ausgezeichnet. Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass dieser Preis Pedro Almodóvar mindestens im selben Maße anzurechnen ist wie Banderas, der hier als kongenialer Platzhalter agiert.

Schaut man sich das Werk des Spaniers an, erscheint es folgerichtig, dass er nun bei einer autobiografischen Geschichte um einen gereiften Filmemacher angekommen ist. In den 1980er und 1990er Jahren kombinierten Almodóvars Filme meist komödiantische Hysterie mit zutiefst menschlicher Melodramatik. Sein Hit Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs kommt einem auch heute noch so vor, als habe jemand die Marx Brothers – nach einem 360-Grad-Identity-Swap zu spanischen Señoras geworden – in eine 80’s-Go-Technicolor-Fantasie versetzen wollen. Die Unmöglichkeit von Ruhe und Frieden und die Betonung der Absurdität jeglicher Sexualität zieht sich als leuchtend roter Faden durch so manchen Almodóvar dieser Phase. Matador ist die Liebesgeschichte mit dem wohl melodramatischsten Finale seit Shakespeare – und selten konnte man bei Sex-Szenen so befreit lachen wie im Fall von Fessle mich!.

Der Meister hinter dunklen Gläsern im Kreise seines Ensembles

Die Gänsehaut des wahren Lebens

Spätestens seit dem erwähnten Oscar-Gewinn schimmerte der ernsthaft Kern von Almodóvars Geschichten durch eine dünner werdende Haut, um es bildlich auszudrücken. Das machte es dem Publikum spürbar leichter, sich in die Figuren hineinzuversetzen und mit ihnen zu leiden, statt bloß aus einer sicheren Entfernung ihr verrücktes Leben zu bestaunen. Mit Leid und Herrlichkeit lässt der Regisseur nun mehr Gänsehaut zu als jemals zuvor in seinen Filmen – möglich machen es die Nähe zur eigenen queeren Vita und somit auch zu den wahren Gefühlen eines Künstlers, der im Film Salvador Mallo heißt. Mallo kann auf viele bewegende Ereignisse zurückblicken, hat jedoch so genau wenig eine Ahnung davon, was das alles bedeutet, wie von dem, was wohl noch kommen wird.

Der Kreis zum echten Almodóvar schließt sich, indem Salvador Mallo diese Sinnkrise durch die kreative Beschäftigung mit dem eigenen Leben in den Griff bekommt. Neben Banderas sind mit Penèlope Cruz und Alberto Iglesias weitere prominente Weggefährt*innen aus den letzten Jahrzehnten mit dabei. Aber es wäre kein Film von Pedro Almodóvar, würde er nicht auch mit einigen überraschenden Details aufwarten. Das gilt erst recht auf dem – man muss es so sagen – Höhepunkt seines Schaffens.

WF

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