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Romy Schneider: Geschichten erzählen, ohne zu lügen

Claude Sautets Die Dinge des Lebens gehört zu den vielen Filmklassikern, in denen Romy Schneider glänzte. Emily Atefs 3 Tage in Quiberon erzählt von einem außergewöhnlich intimen Interview der Schauspielerin.

07. April 2021

Was ist erfunden und was nicht? Eine Frage, die man mitunter ans Leben stellen möchte – und an einen Roman oder Film erst recht. Emily Atefs 3 Tage in Quiberon aus dem Jahr 2018 hat sehr viel mit der Wirklichkeit zu tun. Doch wenn es um die Realität des Lebens eines Stars wie Romy Schneider geht, erscheint der banalste Augenblick im Leben möglicherweise wie eine Fiktion, während das (Film-)Geschäft mit der Fiktion für die weltberühmte Schauspielerin jener Alltag war, in den sie aus dem Rampenlicht einer nur auf private Geschichten fokussierten Öffentlichkeit fliehen konnte.

Der Haifisch im Kurort

Vor 30 Jahren tankte Romy Schneider Kraft in dem französischen Kurort in der Bretagne, an die dort verordnete Diät hielt sie sich aber wohl nicht. So entwickelte sich das Zusammentreffen mit den Reportern des Magazins Stern, Michael Jürgs und Robert Lebeck, zu einer intensiven Auseinandersetzung. Es floss auch eine Menge Schampus. Während feststeht, dass Schneider kurz vor ihrem jähen Tod im Jahr 1982 diesen beiden Journalisten ein ausführliches Interview und exklusive Fotoaufnahmen gewährte, kritisierte Romy Schneiders Tochter Sarah Biasini 3 Tage in Quiberon wegen seiner künstlerischen Freiheiten. Auch die von Birgit Minichmayr gespielte Jugendfreundin Hilde existierte nicht wirklich. Der Intensität von Marie Bäumers Romy-Darstellung tut dies keinen Abbruch, sie geht noch dazu weit über eine physische Ähnlichkeit hinaus. Robert Gwisdek weiß als "besserer Haifisch", sprich nicht ganz uneitler Qualitätsboulevardjournalist Michael Jürgs, außerdem zu überzeugen.

Romy Schneider (Marie Bäumer) und Michael Jürgs (Robert Gwisdek) © Studiocanal

Romy Schneider (Marie Bäumer) und Michael Jürgs (Robert Gwisdek) © Studiocanal

Natürlich sprach auch Jürgs Romy Schneider damals gleich mehrfach auf jene Rolle an, die sie als Teenager bekannt machte – und die sich zum lebenslangen Fluch entwickeln sollte: Sissy. Die Filme, die sie seit Jahren in Frankreich drehe, interessierten das Publikum in Deutschland schließlich nicht, gab sich der Mann vom Stern provokant. Womöglich hatte er ein Meisterwerk wie Die Dinge des Lebens gesehen, in dem Romy Schneider gut zehn Jahre zuvor unter der Regie von Claude Sautet und an der Seite Michel Piccolis jene Fragen des Lebens verhandelte, die keine Schlagzeilen machen aber doch jeder Nachricht zugrunde liegen: Was ist erfunden und was nicht? Da sucht Romy Schneiders Filmfigur Hélène gleich in der ersten Szene nach der korrekten Übersetzung des französischen Wortes "affabuler" und formuliert mit der Lösung eine Art künstlerisches Manifest (andere würden Lebensmotto sagen): "Geschichten erzählen, ohne zu lügen." Aber Jürgs wollte lieber selbst fabulieren, das war schließlich sein Job. Ein solch anspruchsvoller Film passte nicht in sein Interview-Konzept. Er überredete Romy Schneider, private Angelegenheiten zurechtzurücken.

Ein Moment der (künstlerischen) Freiheit: Schneider und Piccoli © Studiocanal

Ein Moment der (künstlerischen) Freiheit: Schneider und Piccoli © Studiocanal

Der von Claude Sautet virtuos um einen spektakulären Autounfall herum montierte Die Dinge des Lebens stellt 1970 die Vita eines Mannes in den Mittelpunkt, der eine Art Bilanz zieht. Atef nimmt mit 3 Tage in Quiberon Bezug auf die wahre Biografie einer außergewöhnlichen Frau, die dem Tod 1981 vermutlich ebenfalls bereits ins Auge sah, auch wenn sie augenblicksweise vor kindlicher Kraft strotzte, alles andere als an gebrochenem Herzen sterben wollte. Eine 42-jährige, die schon weitaus mehr über das Leben zu sagen hatte als in einen deutschen Magazin-Artikel passte. Man muss sich heute bloß all jene Filme anschauen, in denen Romy Schneider ihre Persönlichkeit entfaltete. In ihnen steckt die ganze Wahrheit, auch wenn es keine wahren Geschichten sind. Hinter jeder Figur, und sei sie noch so kunstvoll konstruiert, verbirgt sich schließlich ein echter Mensch.

WF

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