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Monica Vitti: Eleganz und Neugier in der modernen Welt

Monica Vitti, die 1931 als Maria Luisa Ceciarelli geboren wurde, ist am 2. Februar gestorben. Nachruf auf eine Ikone des europäischen Kinos.

03. Februar 2022

Es ist ein schmaler Grat, auf dem die Kunst wandelt. In dem einen Moment erscheint sie zeitlos, schnell wirkt sie aus der Zeit gefallen. Monica Vitti, die am 2. Februar 2022 gestorben ist, verkörperte Anfang der 1960er Jahre die Zeit, in der sie lebte, und mit ihr die Kunst, die von dieser Zeit handelte. Als Darstellerin in den frühen Filmen Michelangelo Antonionis spielte sie die Frau zwischen den Welten, die jedoch stets in einem bestimmten Raum gefangen blieb. Die moderne, großstädtische Welt bot der modernen, großstädtischen Frau kein Zuhause, und in den Nischen, die diese Welt ihr offenbarte, fand sie keinen Unterschlupf. Vitti begegnete den Tatsachen in ihren Rollen mit stoischer Eleganz – und ließ dabei beständig eine unstillbare Neugier aufblitzen. Es schien zu spät für ihre Filmfiguren, das Leben auf den Kopf zu stellen und eine persönliche Freiheit zu erlangen, die als Sehnsucht immer präsent war. Doch der Vitti selbst traute man zu, sich aus den Fesseln zu lösen und sich mit ihrer eigenen Aura über die Zeit und ihre Makel zu erheben.
Besagte Eleganz trug sie eher wie einen Schutzpanzer zur Schau, doch die Augen sprachen Bände, egal wessen Perspektive sie einnahmen. Ob die der Claudia bei ihrem Debüt 1960 in Antonionis Die mit der Liebe spielen. Ob ein Jahr später die der Valentina an der Seite von Marcello Mastroianni, Jeanne Moreau und Bernhard Wicki in Die Nacht. Oder die der Vittoria in Liebe 1962.

Mit Alain Delon in "Liebe 1962" © Studiocanal

Mit Alain Delon in "Liebe 1962" © Studiocanal

Nach Abschluss jener Trilogie wirkte Monica Vitti noch in Antonionis nächsten Film Die rote Wüste mit, dann trennten sich die Wege. Allein die ersten Minuten von Liebe 1962 sind bis heute Zeugnis einer einzigartigen künstlerischen Verbindung, die damit abrupt endete. Wie Antonioni die Vitti als Vittoria in Szene setzt, in einem geschlossenen Raum voll abstrakter Kunst, entfremdet von ihrem langjährigen Geliebten Riccardo, sich im blanken Parkett des Bodens spiegelnd, die Vorhänge zurückziehend und auch im Fensterglas nur sich selbst betrachtend – in der Rolle ihres Lebens, ohne die Möglichkeit, jemals wahrhaftig oder echt sein zu können und den Sinn des Ganzen zu durchdringen: da zeigt sich die Symbiose aus Erzählung und Erzählenden in Perfektion. Riccardo schließt noch die vergitterte Tür hinter ihr, bevor Vittorias Romanze mit Börsenmakler Piero beginnt, gespielt von Alain Delon. Könnten die Bilder deutlicher sein und gleichzeitig subtiler die komplexen Verhältnisse auf den Punkt bringen? Ja! An der Börse wird an diesem Tag eine Schweigeminute eingelegt, und die Broker halten in Gedenken an einen ihrer Kollegen inne, während die Telefone erbarmungslos weiterbimmeln. Und gleich nach Ablauf der Minute geht das Marktgeschrei schon wieder los.

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Beinahe folgerichtig landet Vittoria in einer Falle, ganz real und auch im übertragenen Sinne. In Blackface und einen rituellen Tanz imitierend, imaginiert sie ein Leben abseits der Zivilisation. Dies ist jedoch nur möglich, weil diese Zivilisation in Wirklichkeit seit langer Zeit schon als brutale Kolonialmacht auftritt und weil das Wilde und Ungezügelte, von dem Vittoria hier ganz offensichtlich träumt, im Zerrspiegel kolonialistischer Perspektive und in Form von Bildern, ausgestopften Tieren und Katalogen im Apartment der schlaflosen Nachbarin erscheint und von ihr durch ihre Maskerade weiter verzerrt wird. Es ist einer dieser Filmmomente in der europäischen und US-amerikanischen Kinogeschichte, in der die Zeit im Rückblick gleichzeitig zu rasen und bei dessen Anblick sie seltsam stillzustehen scheint – und mit ihr auch der Atem des Publikums ins Stocken gerät. Wie soll man solche Szenen einordnen? Kartina Richardson formulierte in diesem Artikel einige interessante Gedanken dazu.

Auch nach der Zusammenarbeit mit Antonioni wandelte Monica Vitti durch viele großartige Filme, balancierte zwischen persönlicher Neuerfindung und ihrem Status als berühmte Filmikone. So tauchte sie in Luis Buñuels Das Gespenst der Freiheit auf und schien darin den Geistern nachzujagen, die sie in ihren vorherigen Rollen gerufen hatte. Apropos: 1988 erklärte die Zeitung Le Monde Vitti für tot, angeblich hatte sie Suizid begangen. Woraufhin sie sich bedankte. Einem italienischen Aberglauben zufolge sorgt eine verfrühte Todesmeldung nämlich für ein besonders langes Leben der betreffenden Person. Monica Vitti wurde 90 Jahre alt, 1995 erhielt sie in Venedig den Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk, sie wird als zeitlose Erscheinung und zugleich als Zeichen der damaligen Umstände sowie als Frau, die der Emanzipation und den Männern ihrer Zeit voraus war, in die Filmhistorie eingehen. Lassen wir also die Telefone eine Weile läuten, die sozialen Medien unbarmherzig vor sich hin lärmen – und schweigen in Erinnerung. Wer mehr als eine Minute erübrigen kann, sollte diese Zeit ruhig in einen Film mit Monica Vitti investieren. Es winkt ein unbezahlbares Erlebnis.

WF

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