Detailsuche

Bild zu Die "Kritzeleien" der großen Regisseure

Die "Kritzeleien" der großen Regisseure

Einige unserer größten Regisseure liebten es, die Entstehung ihrer Filme mit Skizzen und (wie Fellini es einmal nannte) "Kritzeleien" zu begleiten. Wir schauen auf zwei besonders prominente Beispiele: ebenjenen Federico Fellini und David Lynch.

15. Juli 2026

Wer das Museum Fondation Cartier in Paris besucht, stolpert irgendwann nicht nur in einen schummrig ausgeleuchteten Flur, sondern auch mitten hinein in das faszinierende Gehirn von David Lynch. Die ständige Sammlung des Museums besitzt nämlich zahlreiche Skizzen des Regisseurs, die in besagtem Flur im Untergeschoss ausgestellt werden.

Sie zeigen eine erstaunliche Bandbreite: Von kleinen Filzstift-Kritzeleien auf einem Produktionsmemo aus TwinPeaks-Zeiten, über dichte, schwarz-weiße, apokalyptische Fantasie-Architekturen, amüsante Wort-Bild-Verbindungen, einem stilisierten Schriftzug seines eigenen Namens, bis hin zu dem seltsam friedlich anmutenden Alien, das diesen Artikel eröffnet. Vor allem letztgenanntes wirkt nicht rein zufällig wie eine Figur, die auch in einer Traumsequenz eines Lynch-Films hätte auftreten können.

© Foto privat (aufgenommen in der Fondation Cartier in Paris)

© Foto privat (aufgenommen in der Fondation Cartier in Paris)

Wer sich mit der Biografie von David Lynch auskennt, weiß natürlich, dass seine Liebe zu Skizzen dieser Art nicht von ungefähr kommt. Anfang der 60er wurde Lynch vom Vater eines Schulfreundes auf die Idee gebracht, seine Kreativität in der Malerei herauszulassen. Lynch besuchte daraufhin erste Kunstkurse in der Corcoran School of Art in Washington D.C. und beschloss 1964, nach seinem High-School-Examen an der privaten Kunsthochschule School of the Museum of Fine Arts in Boston zu studieren.

Dort verließ den jungen David aber schnell die Inspiration, was er auf die "unseriösen Kommilitonen" schob, die in seinen Augen Kunst nur als Reichen-Hobby sahen und nicht wirklich für die Sache brannten. Nach diversen Reisen, Sinnsuchen und Zwischenjobs, bewarb sich Lynch dann 1965 an der der Pennsylvania Academy of Fine Arts in Philadelphia, wo schon sein Kumpel Jack Fisk eingeschrieben war. Ein großer Fan des Studierens wurde Lynch jedoch nie. In der Dokumentation David Lynch: The Art Life sagte er einmal folgendes dazu:

Video kann aufgrund der gewählten Cookie-Einstellungen nicht gezeigt werden.

In dieser, deshalb nur zwei Jahre dauernden Studienzeit, hatte Lynch so etwas wie ein Erweckungserlebnis: Während einer nächtlichen Mal-Session in seinem Studio habe Lynch eine Eingebung gehabt, wie er später erzählte. Die Pflanzen auf dem Gemälde, an dem er gerade arbeitete, schienen sich zu bewegen. "Ich schaue mir das an und höre das", erinnerte er sich, "und sage: 'Oh, ein sich bewegendes Gemälde.' Und das war’s." So sei ihm in den Sinn gekommen, dass er Filme machen müsse.

© Foto privat (aufgenommen in der Fondation Cartier in Paris)

© Foto privat (aufgenommen in der Fondation Cartier in Paris)

David Lynchs frühe Filme wirkten auch auf ihn oft wie die Verlängerungen seiner Malereien – allen voran Eraserhead. Bei der Eröffnung der Ausstellung "David Lynch: The Unified Field" in seiner Alma Mater in Pennsylvania im Jahr 2015 sagte Lynch dazu: "Als Maler macht man alles selbst, und ich dachte, beim Film wäre es genauso – wie bei einem Gemälde, nur dass einem dabei Leute helfen."

Video kann aufgrund der gewählten Cookie-Einstellungen nicht gezeigt werden.

David Lynch begleitete seine Produktionen fast immer mit Skizzen und schnellen Bildern, die oft aber nicht unbedingt seine Filmvision erklärten, sondern sie entweder weiterführten, oder aber zeigten, was sonst noch in ihm vorging.

2019 sagte David Lnych in einem Videointerview mit dem Magazin "ArtForum": "Ich habe es immer geliebt, zu malen und zu zeichnen." Später sagte er in einem Interview mit der "New York Times": "Ich habe als Maler angefangen, und der Film entstand aus dem Wunsch heraus, ein Bild in Bewegung zu versetzen. Deshalb sage ich immer, dass die gleichen Regeln der Malerei auch für einen Großteil des Kinos gelten, und man könnte sagen, dass Filme bewegte Gemälde sind, die mit Ton eine Geschichte erzählen."

Video kann aufgrund der gewählten Cookie-Einstellungen nicht gezeigt werden.

Fellini: Vom Cartoonisten zum Regie-Maestro

Eigentlich war es eine Ausstellung im Kunsthaus Zürich, die uns schon 2022 auf die Idee für diesen Artikel brachte. "Federico Fellini: Von der Zeichnung zum Film", die zuvor schon so ähnlich im Museum Folkwang gezeigt worden war, versammelte 500 Skizzen des Regisseurs. Fellini nutzte die Skizze im Gegensatz zu Lynch sehr oft, um seine kreativen Visionen in Film zu verwandeln. So gab es in der Ausstellung zahlreiche Charakterzeichnungen, die schon die spätere Umsetzung im Film erkennen ließen. Den Katalog der Ausstellung ziert zum Beispiel Carla aus Achteinhalb, die am Ende von Sandra Milo gespielt wurde.

Katalog zur Ausstellung im Museum Folkwang

Katalog zur Ausstellung im Museum Folkwang

Andere "Kritzeleien", wie Fellini selbst diese Bilder nannte, zeigten seine Vision des Casanovas, in der man schon Donald Sutherlands spätere Frisur im Film und sogar sein Gesicht zu erkennen glaubte. Fellinis Gauner-Zeichnung zu Die Schwindler schaffte es gar zum Motiv eines offiziellen Filmplakats.

Während David Lynch oft surreal und intuitiv zu zeichnen schien, hatte Fellini einen geradezu frechen Strich und einen guten Blick für Details. Auch hier liegt der Schlüssel zum Stil in Fellinis Biografie. Dieser erzählte dem Schweizer Fernsehen in den 70ern in einem Interview, dass er sein Geld zunächst als Karikaturist für Humorzeitschriften verdiente. "Ich dachte nie daran, Regisseur zu werden. Ich wollte mich nicht einmal mit dem Kino befassen." Gut, dass sich das geändert hat.

Video kann aufgrund der gewählten Cookie-Einstellungen nicht gezeigt werden.

Die Kuratorin der Kunsthaus Zürich Cathérine Hug erklärte Fellinis Skizzen-Arbeit damals so: "Er zeichnete rasch und impulsiv. Kinofilme zu drehen, verlangt aber nach anderen, fast schon konträren Qualitäten: Da muss man viel planen, ein detailliertes Drehbuch entwickeln. Die Skizzen erlaubten es Fellini, den Prozess anders, mehr seinen Neigungen entsprechend zu gestalten."

Fellini selbst erklärte den Prozess in einem Interview so: "Warum zeichne ich die Figuren meiner Filme? Warum mache ich mir grafische Notizen zu ihren Gesichtern, zu den Nasen, den Schnurrbärten, den Krawatten, den Taschen, der Art, wie sie die Beine übereinanderschlagen – zu diesen Menschen, die mich im Büro besuchen kommen? Vielleicht habe ich schon einmal erzählt, dass es eine Möglichkeit ist, den Film schon im Vorfeld zu betrachten, um zu erkennen, um was für einen Film es sich handelt – der Versuch, etwas festzuhalten, sei es auch noch so winzig, an der Grenze zum Nichts, das aber etwas mit dem Film zu tun zu haben scheint und heimlich zu mir spricht."

@kunsthauszurich Visit the temporary exhibition on Federico Fellini. from drawing to film! Until 4. September 2022. #kunsthauszurich #visitzurich #inlovewithswitzerland ♬ Originalton - KunsthausZurich

Bei der Ausstellung in Zürich wurden zahlreiche Skizzen mit den konkreten Filmszenen verbunden, auf die sie sich beziehen. Hier erkenne man, so Kuratorin Hug schon das, was viele später "fellinesk" nannten: "Überspitzte, groteske, oft an Karikaturen erinnernde Figuren. Starke Charaktere mit ausgeprägten Eigenschaften, die Fellinis Filme wie bewegte Gemälde erscheinen lassen."

Ironischerweise hätte Fellini diese Ausstellungen vermutlich gehasst. Als man seine "Kritzeleien" zum ersten Mal "wie kostbare Schmetterlinge" ausstellte, habe er es befremdlich gefunden. Angeblich seien ihn bei diesem Anblick die Worte entglitten: "Was für ein Horror, diese Sachen an der Wand hängen zu sehen."

Für uns ist es mitnichten ein Horror: Eher im Gegenteil, geben Skizzen wie diese oder jene von David Lynch doch Einblicke in die Fantasie und in die Arbeitsweise eines Regisseurs, wie man sie selten zu sehen bekommt.

Daniel Koch

Dazu in unserem Magazin

Arthaus Stores

Social Media