Wohl jede*r Kinofan dürfte eine besondere Verbindung zu David Lynch haben. Seine Filme beißen sich im Bewusstsein fest, lassen einen nicht mehr los, sickern in die Nachtgedanken und Träume. Der Autor dieses Textes war Dank David Lynch sogar einmal ganz nah am Wahnsinn. Als die Pandemie die Welt lahmlegte und der Lockdown kam, beschloss er, noch mal all diese tollen ARTHAUS-Filmboxen durchzuschauen. Dabei fing er ausgerechnet mit der Lynch-Box an und schaute die Filme in chronologischer Reihenfolge. War das mutig? Naiv? Dumm? Vielleicht von allem etwas.
Nach drei Abenden mit jeweils Eraserhead, Der Elefantenmensch und Dune und Tagen voller verwirrender Nachrichten, Sorgen um die eigene Gesundheit und apokalyptischen Vibes, hatte er dabei kurz das Gefühl, jetzt fehle nicht mehr fiel, bis er nackt und laut schreiend aus dem Haus laufen würde. Es kam zum Glück nicht so. Stattdessen wuchs die Erkenntnis, dass man weder Wein noch andere Drogen braucht, wenn man eine Lynchbox im Heimkino und eine Pandemie vor der Hauszür hat. Also schaute er im Anschluss gleich noch mal alle Twin-Peaks-Folgen auf Sky ...
Sie merken es schon: Die ARTHAUS-Redaktion liebt David Lynch – und unsere Leser:innenschaft auch. Vermutlich liegt es daran, dass dem vor einem Jahr verstorbenen Kultregisseur so viele Texte gewidmet sind – und sogar hauseigenen Videoproduktionen, die wir in diesem Artikel eingebettet haben. Es gibt sogar einen Text, in dem wir uns die Pandemie-Gewohnheiten von David Lynch anschauten!
Unser Nachruf im vergangenen Jahr trug einen Titel, auf den bis heute ein wenig stolz sind: "Seine Alpträume waren die besten." Schöner waren natürlich die Zeiten, als wir ihm noch zu neuen Auszeichnungen gratulieren konnten – zum Beispiel, als er am 27. Oktober 2019 den Ehren-Oscar für sein Lebenswerk überreicht bekam. Wenn man Lynch würdigt, muss man natürlich auch über seinen musikalischen Sparringspartner Angelo Badalamenti schreiben, der leider schon am 11. Dezember 2022 von uns gegangen ist. Unser Nachruf trug den Titel "Lynchs musikalische Seele".
Lynch-Filme sind das perfekte Rabbit Hole: Man kann sich in ihren Bedeutungsebenen verlieren, über die zahlreichen Interpretationen diskutieren, Easter Eggs und Andeutungen suchen und verdammt viel Nerdwissen ansammeln. Wundert es da, dass wir für unsere Leser:innenschaft immer wieder gerne spielerische Formate entwickelten, um dieses Wissen zu kitzeln und zu testen? Unsere verschiedenen Quiz-Folgen erfreuten sich jedenfalls größter Beliebtheit. Da hatten wir im Angebot: "Das große David Lynch Quiz", "Wie gut kennen sie Twin Peaks?" oder aber auch kommen in diesem Quiz auf ihre Kosten. Für einen unterhaltsamen Lynch-Heimkino-Abend gibt es außerdem unser "Lynch this!"-Bingo.
Über seine Filme kann man zwar auch ganze Bücher schreiben, aber wir haben versucht, unsere Gedanken in kompakten Essays zu bündeln. Dabei näherten wir uns Lynch gerne aus verschiedenen Blickwinkeln und schrieben auch schon mal einen Text über den Klang von Eraserhead. Wir trugen zusammen, was der Regisseur über seinen vielleicht geradlinigsten Film The Straight Story sagte, und wir rechtfertigten uns dafür, dass wir Inland Empire in einer Headline "eine komische, brutale Meditation für die Hinterbacken" nannten.
Wir schrieben "(k)eine Gebrauchsanweisung für Mulholland Drive" und sezierten zum Kinostart der neuen Dune-Verfilmung das "Dune-Dilemma". In diesem Text behaupten wir, der Science-Fiction-Klassiker sei im Grunde unverfilmbar – und stehen bis heute zu dieser Meinung. Anscheinend sind wir da nicht die einzigen, denn der Text ist einer der meistgelesenen auf unserer Website.
Wir schauten im Minutenprotokoll die ersten 20 Minuten von Lost Highway und verneigten uns vor der cineastischen Schönheit von Der Elefantenmensch. Wir versuchten das komplette Lynchuniversum zwischen Radiergummikopf und Rasenmäher zu vermessen, und zwei Kolleg:innen schrieben persönliche Liebeserklärungen an The Straight Story und Mulholland Drive.
So faszinierend, wie seine Filme sind, waren auch immer die Soundtracks im Lynch-Universum. Deshalb widmeten wir ihm gleich zweimal die "Playlist danach" – einmal stellten wir uns an die Jukebox in Twin Peaks und einmal schwelgten wir in der schönsten Lynch-Musik seiner Filmografie. Last but not least hörten wir in dieser Top-5-Liste dunkle Lieder, in denen David Lynch gar selber sang. Und weil es so tragisch passt an diesem Todestag, verabschieden wir uns an dieser Stelle mit einem der traurigsten Lieder der Musikgeschichte – "Dark Night of The Soul" vom ebenfalls zu früh verstorbenen Musiker Sparklehorse und David Lynch.