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ARTHAUS INHAUS: Mulholland Drive

In dieser Rubrik stellen die Mitarbeiter*innen von ARTHAUS in persönlichen Texten ihre liebsten Filme vor. Heute wagt Wolfgang Döllerer eine Reise in die gleißende Dunkelheit über den Mulholland Drive von David Lynch.

Filmgeschichten/Arthaus Inhaus 30. Juni 2021

Im filmischen Werk von David Lynch lassen sich zweifelsohne mehrere gleichsam monolithische, große und einzigartige Meisterwerke ausmachen. Und doch gibt es da diesen einen Film, der für mich persönlich zu dem wurde, was sich gemeinhin wohl mit dem Terminus Schlüsselwerk umreißen lässt.

Tatsächlich war es nach der Irritation von Eraserhead, der klaustrophobischen Brutalität von Blue Velvet oder der ebenso höchst brutalen, brennenden Obsessionen von Wild At Heart bereits Lost Highway gewesen, der in seiner Erzählstruktur eine neue Qualität in meiner David-Lynch-Rezeption darstellte. Allerdings markierte dann der 2002 veröffentliche Mulholland Drive, als ich ihn in einer nächtlichen Kinovorstellung erstmalig auf großer Leinwand sah, damals eine nochmals weitere Dimension in das Werk dieses Regisseurs, dessen Arbeit kaum mit den Mitteln einer rationalen Analytik beizukommen war, ja ist. Denn – und Inland Empire trug dieses Phänomen später gleichsam dann auch explizit im Titel – hier zeitigte sich für mich, mehr als noch zuvor, eine multidimensionale Reise in eine Welt des Inneren. Die filmische Erzählung nahm dabei deutliche Anleihen aus der irrationalen Struktur von Träumen, wobei diese "Traumwelten" (wie Lynch dann auch seine 2019 veröffentlichte Autobiographie betitelte) natürlich immer auch den unerbittlichen Schritt ins Alptraumhafte implizierten. So geriet Mulholland Drive zu einer flirrend changierenden, filmischen Reise zwischen gleißender Dunkelheit und nachtschwarzer Helligkeit. Und warf derart – und wirft ihn auch heute noch – zugleich einen messerscharfen Blick hinter die Kulissen, führt einen künstlerischen Diskurs über die Mechanismen der großen Traumfabrik Hollywood selbst.

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Vordergründig aber erzählt der Film erst einmal von zwei Frauen: Die eine, Betty (Naomi Watts) kommt als junge Schauspielerin nach L.A., naiv und hoffnungsvoll, mit dem festen Willen, ein Star zu werden. Die andere, Rita (Laura Elena Harring), nach einem schweren Autounfall auf dem titelgebenden Mulholland Dr. unter Gedächtnisverlust leidend, ist auf der Suche nach sich selbst. Der Zufall führt die beiden zusammen. Und Ritas Suche wird zu Bettys Passion. Doch der Weg, den die beiden gemeinsam beschreiten, wird mehr und mehr überschattet von dunklen Geheimnissen und Entdeckungen, die die Frage nach der eigenen Identität, wie auch nach deren jeweiliger Konstitution immer virulenter werden lassen. Tiefer und tiefer verstricken sich die beiden Frauen in ein hochkomplexes Flechtwerk aus Begierde und Verlangen, aus den Hoffnungen und Enttäuschungen, die die Welt Hollywoods bereit halten kann.

Betty (Naomi Watts) kommt als junge Schauspielerin nach L.A., naiv und hoffnungsvoll, mit dem festen Willen, ein Star zu werden. © Arthaus / Studiocanal

Betty (Naomi Watts) kommt als junge Schauspielerin nach L.A., naiv und hoffnungsvoll, mit dem festen Willen, ein Star zu werden. © Arthaus / Studiocanal

Und auch wir als Rezipient*innen des Filmes werden durch die vielen Erzählstränge – die Lynch hier erst parallel und dann doch auch immer zusammenlaufend montiert, in der prinzipiellen Negation gewohnter Erzählstrukturen – immer weiter hingezogenen in ein von faszinierender Rätselhaftigkeit geprägtes, vielfältig ausdeutbares Werk.

Welches nicht zuletzt auch damit im besten Sinne großes Kinos ist: Schwelgend in den fantastischen Bildern des Kameramannes Peter Deming (mit dem Lynch schon Lost Highway realisierte); einnehmend im Schnitt von Mary Sweeney (die Lynchs Filme bereits seit Blue Velvet stark mitprägt); schwingend im Soundgewand des großartigen Scores von Angelo Badalamenti (ebenfalls Wegbegleiter Lynchs seit frühen Jahren). Hieraus ergibt sich ein meisterlicher Film, ein insgesamt höchst eindringliches Werk.

Eine Reise in die gleißende Dunkelheit über den Mulholland Drive von David Lynch © Arthaus / Studiocanal

Eine Reise in die gleißende Dunkelheit über den Mulholland Drive von David Lynch © Arthaus / Studiocanal

Ja, schon damals, als ich nach dieser für mich so wichtigen Spätvorstellung, in die Nacht hinaustrat, die Windungen des Mulholland Dr., den Blick über das glitzernde Schimmern der nächtlichen Stadt unterhalb der Hollywood Hills noch einmal Revue passieren lassend, wusste ich, dass sich hier gerade ein Portal geöffnet hatte, durch welches ich fraglos auch in folgenden Jahren immer wieder einzutreten wünschen würde.

Und heute, knapp 20 Jahre später: Ich habe Mulholland Drive inzwischen viele Male gesehen, und werde dies sicherlich auch zukünftig noch das ein oder andere Mal tun. Denn seine filmische Sprache, seine dramaturgische Struktur, seine erzählerischere Dimension sind für mich auch heute noch so faszinierend, so visionär, so zeitlos wie damals. Und der Diskurs über das Verhältnis von Schein und Sein, über die Schattenwelten des Glamour und die unerbittlichen Monster, die die große Traumfabrik Hollywood hervorzurufen vermag, sind es ebenso.

Take care whilst opening the blue box.

Betty (Naomi Watts) und Rita (Laura Elena Harring), © Arthaus / Studiocanal

Betty (Naomi Watts) und Rita (Laura Elena Harring), © Arthaus / Studiocanal

ARTHAUS Mitarbeiter Wolfgang Döllerer, kurz vorgestellt:

An Bord seit: November 2019

Was genau machst du bei ARTHAUS / Studiocanal? Ich bin im Team Theatrical Sales für die Vermietung unserer Filme an die Kinos zuständig und verantworte hier unter anderem den Verleihbezirk Berlin (Berlin und neue Länder).

Dein schönster ARTHAUS-Moment?
Volker Schlöndorff im Live-Stream-Interview zur Wiederaufführung von Die Blechtrommel im Sommer 2020

ARTHAUS ist für dich …?
Klassiker und Meisterwerke, ebenso aber auch noch ungeschliffene Diamanten der Filmgeschichte. ARTHAUS heißt für mich, diesen Filmen unter einem ausgewiesenen, hochwertigen Brand, eine prominente Kommunikations-Plattform zu geben … und diese Filme so (über die diversen Auswertungswege wie das Kino, unser Streaming-Portal ARTHAUS+ etc.) zugänglich und erfahrbar zu machen.

Du in drei Filmen:
Nur drei, das ist wirklich schwierig. Ich versuche es mal mit: Amateur von Hal Hartley, 2001: Odyssee im Weltraum von Stanley Kubrik, Wonderland von Michael Winterbottom

Und ein Guilty Pleasure? Mel Brooks’ Spaceballs

Wolfgang Döllerer

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