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Grizzly Man: Ein wahres Schauermärchen

Werner Herzogs Dokumentarfilm über den selbsterklärten Bärenschützer Timothy Treadwell verlangt auch vom Publikum ein dickes Fell.

04. Mai 2026

Wer in jüngster Zeit die News verfolgte, kam an der Berichterstattung über den gestrandeten Wal Timmy nicht vorbei. Interessanter als die Geschichte eines kranken Tiers, das die Orientierung verloren hat, waren bald die Nebengeräusche. Diskussionen liefen heiß: Sollte man alles Menschenmögliche unternehmen, um dem Wal aus der Klemme zu helfen – oder muss man der Natur ihren Lauf lassen? Letztlich gilt für Timmys Schicksal, was sich auch für den Grizzly Man behaupten lässt, dem Werner Herzog mit seinem gleichnamigen Dokumentarfilm vor 20 Jahren ein Denkmal setzte: Das Geschehene sagt mehr über die Psyche der Menschen aus, als dass es uns etwas über die Natur lehrt.

Der Grizzly Man genannte Timothy Treadwell war ein selbsterklärter Naturschützer und Kämpfer für die Rechte der Bären. Es reichte ihm nicht aus, sich für sie einzusetzen, Treadwells Solidarität und Identifikation gingen so weit, dass er mit und unter ihnen in Alaska lebte. Der menschlichen Gesellschaft kehrte er den Rücken – ausgenommen seine Freundin, die 2003 mit ihm ums Leben kam. Bärenliebhaber Treadwell verfolgte einen sehr persönlichen Ansatz als Tierfilmer – weder wissenschaftlich noch künstlerisch. Seine vielen Filmaufnahmen sorgten jedoch für eine Hinterlassenschaft, aus der Werner Herzog eine spektakuläre Doku schuf – mit einem authentischen Killertwist.

Trügerisches Idyll: Treadwell und seine Familie © Studiocanal

Trügerisches Idyll: Treadwell und seine Familie © Studiocanal

Beim letzten Material aus der Kamera handelt es sich um reine Tonaufnahmen. Treadwells Freundin hatte den tödlichen Angriff eines Bären filmen wollen aber die Blende des Objektivs nicht abgenommen. Bis heute ist Werner Herzog vermutlich der einzige Mensch, der die Aufzeichnung je gehört hat. Er entschied sich, dieses Found Footage nicht in seinem Film abzuspielen, doch kann man ihn dabei beobachten, wie er dem Todeskampf lauscht und der Erbin der Kamera rät, die Aufnahmen ungehört zu vernichten. Da braucht man als Zuschauer*in ein dickes Fell.

Herzog lässt uns nicht komplett mit Treadwells Perspektive allein, unter anderem befragt er Zeitzeugen, die Treadwells Naivität beziehungsweise Leidenschaft beziehungsweise Fahrlässigkeit im Umgang mit den Bären kommentieren und einordnen. Der Filmemacher selbst war schon immer fasziniert von riskanten Unternehmungen, von Grenzerfahrungen und Grenzüberschreitungen. Mit dem Grizzly Man hat er ein für ihn ideales Sujet gefunden. Der einsame Streiter, der sich selbst vergisst, um etwas Höheres zu erreichen, das der Masse wiederum als Hirngespinst erscheint. Treadwell ist für seine Überzeugung gestorben, Werner Herzog lebt für Filme wie diesen.

WF

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