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Der Mann, der fast vom Himmel gefallen wäre, wird 80

Am 5. September 2022 feiert Werner Herzog runden Geburtstag. Seit einem Flugzeugunglück in Peru 1971 kann er eigentlich zwei Mal im Jahr Geburtstag feiern.

04. September 2022

"Was ich bin, sind meine Filme" heißt ein Dokumentarfilm von Laurens Straub über Werner Herzog aus dem Jahr 1978. Man findet diese 90 spannenden Minuten im umfangreichen Bonusmaterial zur Werner Herzog / 80th Anniversary Edition, die außerdem zehn Filme Herzogs enthält, etwa den Thriller My Son, My Son, What Have Ye Done und den modernen Klassiker Kaspar Hauser - Jeder für sich und Gott gegen alle.
Darunter auch die fünf Meilensteine, die der 1942 in München geborene Filmemacher mit Klaus Kinski in der Hauptrolle drehte – jenem Enfant terrible des deutschen Kinos, das Herzogs Aussage zufolge einen Teil seiner Persönlichkeit darstellte, ein Teil von ihm war.

Herzog am Set © Studiocanal

Herzog am Set © Studiocanal

Kinski und andere Dämonen

Werner Herzogs berühmte Auseinandersetzungen mit Klaus Kinski und dessen Launen, verewigt im Filmbekenntnis Mein liebster Feind kann man demnach als Kampf mit seinem eigenen Ich verstehen. Schließlich gehört Herzog zu der Art von Künstler*innen, die alles persönlich nehmen und ihre Kunst als ewiges Wagnis begreifen.

Vor einigen Tagen strahlte die ARD seine Doku Gorbatschow – Eine Begegnung über die persönlichen Treffen mit dem am 30. August 2022 verstorbenen letzten Staatspräsidenten der UdSSR aus. Das First Date eröffnete Herzog mit der Bemerkung, er sei Deutscher, und der erste Deutsche, dem der junge Michail Sergeijewitsch begegnet sei, habe ihn vermutlich umbringen wollen. Dazu muss man wissen, das Gorbatschow in der Region Stawropol aufwuchs und diese zwischen 1942 und 1943 für einige Monate von deutschen Truppen besetzt war. Gorbatschow aber überrascht sein Gegenüber mit der Geschichte von jenen Deutschen, die er bereits vor den Wehrmachtssoldaten kennengelernt hatte, weil sie in der Nachbarschaft lebten. Er mochte sie, weil es bei ihnen so leckeren Lebkuchen gab. Eine Anekdote, von der wir so schnell nichts erfahren hätten, wäre Herzog nicht mit seiner ersten Frage derart ins Risiko gegangen.

Das Risiko, das er anderen zumutet, birgt für ihn die Gefahr der Selbstentblößung, die jedoch mit der eigenen wagemutigen Haltung korrespondiert, also von ihm bewusst in Kauf genommen wird. Wenn etwa Kinski vor und abseits der Kameras seine Tobsuchtsanfälle bekam, ließ auch Herzog die Hosen runter. Das Blankziehen gehört demnach zum "Prinzip Werner Herzog", eine grundsätzliche und vor allem fordernde Einstellung, die immer wieder Dokumentationen über ihn und seine Arbeit inspiriert. Demnächst erwartet uns im Kino Thomas von Steinaeckers Porträt Radical Dreamer. Was wird da noch alles zum Vorschein kommen? Im bereits erwähnten Straub-Film erzählt Herzog von seiner anarchischen Jugend auf dem Land und berichtet freimütig, wie er einen seiner beiden Brüder mit einem Messer schwer verletzte.

Liebste Feinde © Studiocanal

Liebste Feinde © Studiocanal

Einem Clinch ist Werner Herzog seither offenbar nicht so schnell aus dem Weg gegangen, die Waffen hat er allerdings gewechselt. Nehmen wir zum Beispiel den Humor, der ja auch tödlich sein kann. So hat er mal behauptet, dass jeder Filmemacher ein Clown sei. Passender Anlass war eine an Charlie Chaplin angelehnte Aktion. Um den heute weltberühmten Dokumentarfilmer Errol Morris zu motivieren, sein erstes Werk Gates Of Heaven mit aller Konsequenz in Angriff zu nehmen, gab Herzog nämlich bekannt, er werde wie einst der große Komiker Chaplin in Goldrausch seinen Schuh verzehren, sollte Morris das geplante Debüt tatsächlich fertigstellen. Ein Rückzieher von diesem Schwur kam für Herzog natürlich nicht in Frage, die Folgen sind in Les Blanks Kurzfilm Werner Herzog eats his Shoes (1980) zu begutachten. Spoiler: Die Sohle hat er nicht mit gegessen, womöglich aus Angst, dass ihm mit ihr auch das Lachen im Halse stecken bleiben könne. Andererseits hat er die Sache natürlich ernst gemeint. Herzog ist kein Ironiker.

Nee, Werner Herzog ist Wahrheitssuchender und als solcher heute selbst für viele Dokumentarfilme bekannt, die das Publikum ähnlich wie seine Spielfilme meist dorthin führen, wo kaum ein anderer Regisseur zuvor einen Fuß auf den Boden setzte – und die von diesem Neuland auf ganz spezielle Weise erzählen.

Vor 50 Jahren veröffentlichte er Die fliegenden Ärzte von Ostafrika, und schon da äußerte sich ein Faible für Geschichten über furchtlose Abenteurer*innen, Glückssucher*innen und Erobererfiguren auf fernen Kontinenten. Eine Faszination für historische Persönlichkeiten wie Gertrude Bell. Der Forscherin – Mitglied des britischen Geheimdiensts und politische Funktionärin, somit eine der mächtigsten Frauen ihrer Zeit – widmete Herzog seine von wahren Ereignissen stark beeinflusste Filmbiografie Königin der Wüste, dem Dalai Lama kam er tatsächlich beim Dreh der Doku Rad der Zeit über buddhistische Rituale näher, die brennenden Ölfelder Kuwaits aus dem ersten Golfkrieg fing er 1992 für Lektionen in Finsternis ein.

Kinski als Nosferatu © Studiocanal

Kinski als Nosferatu © Studiocanal

Je tiefer man in das Gesamtwerk Werner Herzogs eindringt, desto deutlicher hat man ihn als Typ vor Augen, und wie er die Welt betrachtet. Wegbegleiter Les Blank schaute für seinen Dokumentarfilm Die Last der Träume hinter die Kulissen der mitunter lebensgefährlichen Dreharbeiten zu Fitzcarraldo vor 40 Jahren mitten im Amazonasgebiet. In Peru hatte Herzog durch Aguirre, der Zorn Gottes bereits zehn Jahre zuvor seine Handschrift hinterlassen. Bei Fitzcarraldo führte er das Filmteam jedoch ein paar Schritte weiter in ein nicht nur metaphorisches Herz der Finsternis – nah an den Abgrund seiner Vision, einen Spielfilm über einen Wahnsinnigen zu drehen, der ein riesiges Schiff über einen Berg im Urwald transportiert, und dieses Kunststück tatsächlich zu vollführen (mit anderen Worten dieser Wahnsinnige zu werden).

Wenn man so will, ist Fitzcarraldo ein Abenteuerfilm und dessen Making-Of in einem, weil das Publikum sich in jedem Augenblick der Handlung fragen muss, wie diese aufwändigen Szenen zustande gekommen sind. Doch von Mick Jaggers letztlich geplatztem Mitwirken über Unfälle mit Giftschlangen und Motorsägen bis zum berühmt gewordenen Angebot der indigenen Darsteller*innen an Herzog, den cholerischen Kinski für ihn umzubringen – ohne Witz!–, blieben noch genug Backgroundstorys für Blanks Metafilm übrig. Man ahnt: Eine Werner-Herzog-Produktion dürfte nie spurlos an den Beteiligten und dem Publikum vorübergehen.

Buddhistischer Alltag © Studiocanal

Buddhistischer Alltag © Studiocanal

Jeder Film ein waghalsiges Unternehmen

Werner Herzogs Spielfilme offenbaren alle diesen bereits erwähnten dokumentarischen Charakter, während Herzogs Dokumentarfilme eine objektive Wirklichkeit in Zweifel ziehen und ihrem Kern, also ihrem Wesen, subjektivistisch auf den Grund gehen. Dafür stehen in vielen Fällen seine auf Englisch eingesprochenen Off-Kommentare mit süddeutschem Akzent und mit dieser typischen Melodie, in der sich Neugier und Überzeugung zum Klang der schon angesprochenen Haltung vereinen. Diese Stimme lässt einen so schnell nicht wieder los, und Herzogs Produktivität verwundert kaum, wenn man sich vergegenwärtigt, dass er derjenige ist, der diese Stimme andauernd in seinem eigenen Kopf zu hören bekommt.

Die vielen Reisen in die Amazonasregion mitsamt tiefen Einblicken in die damals bereits einschneidenden Veränderungen dort hätte allerdings ein tragisches Unglück beinahe im Keim erstickt. 1971 stürzte eine Maschine der Airline LANSA ab, in der Herzog zuvor mit allen Mitteln einen Platz hatte ergattern wollen. Erfolglos. Am Flughafen von Lima musste er mit ansehen wie 92 andere Passagiere erleichtert jubelten. Keiner wollte zurückbleiben, denn das Flugzeug startete Heiligabend, und die Menschen zog es nach Hause zu ihren Liebsten. In einer Gewitterfront stürzte der Flieger über dem peruanischen Regenwald ab (und es gab auch keine deckungsgleiche Kopie von ihm, wie in Hervé Le Telliers Bestseller "Die Anomalie", woraus wir schließen können, dass es wahrhaftig keinen zweiten Werner Herzog hätte geben können, niemals!). Von den 92 Insassen überlebte allein die 17-jährige Juliane Koepcke. Sie überstand den Sturz aus 3000 Metern Höhe verhältnismäßig leicht verletzt. Koepcke war als Tochter zweier Biologen im Dschungel aufgewachsen und schlug sich zehn Tage lang mit offenen Wunden durch Dickicht und Gewässer, trotzte Hitze, Regen und Raubtieren.

Brennendes Ölfeld © Studiocanal

Brennendes Ölfeld © Studiocanal

Für sein Doku Wings Of Hope brachte Werner Herzog Juliane Koepcke vor 25 Jahren noch mal zurück zum Schauplatz ihres Überlebenskampfes – und scheint in ihr vieles zu erkennen, was er an Menschen schätzt und ganz offensichtlich auch von sich selbst verlangt. Dräufgänger*innentum und Scharfblick – und eine aufgeklärte Distanz zu dem, was man Schicksal nennt. Dieser Abstand zu den Dingen, die einem ständig unter die Haut zu kriechen drohen, lässt sich in Juliane Koepckes eigenartig unbeteiligten Tonfall sowie ihrer Ignoranz gegenüber den lästigen Moskitos ausmachen, egal ob sie die Fundstücke des Flugzeugwracks oder die Umstände ihrer Rettung kommentiert. Das ist das "Temperament", von dem der Philosoph Walter Benjamin sprach, um die Begriffe Charakter und Schicksal von esoterischem Firlefanz zu befreien – natürlich auf herrlich verschwurbelte Weise. Wohingegen Herzog jemand ist, der einem am liebsten gleich offen vor den Kopf stößt, ohne die Worte oder sich selbst in Watte zu packen und ohne das große Ganze aus dem Blick zu verlieren, also die gesellschaftlichen Zusammenhänge, jedoch stets mit einem unüberhörbaren spirituellen Unterton.

Diese temperamentvolle Distanz, die auch vom prinzipiellen Glauben ans Wagnis herrühren mag, ist ein wichtiges Phänomen, wenn wir über Leben und Werk Werner Herzogs sprechen, während wir uns mehr als glücklich schätzen, ihm heute zum 80. Geburtstag gratulieren zu dürfen.

Herzogs Filme sind der Geschichte von Juliane Koepcke, die noch dazu untrennbar mit der eigenen Biografie verknüpft ist, so ähnlich, weil sie ebenfalls beides sind: wahr gewordene (Alb-)Träume und wahre Wunder. Dabei bleibt einem der offenherzige Herzog auch stets ein Rätsel. Wer mehr über ihn erfahren möchte, kann seine jüngst erschienene Autobiografie "Jeder für sich und Gott gegen alle. Erinnerungen" lesen und bis März 2023 die Ausstellung "Werner Herzog" in der Deutschen Kinemathek in Berlin besuchen. Aber eigentlich muss man seine Filme gucken – alle und immer wieder. Genauso schonungslos, wie er sie gedreht hat.

WF

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