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Kompletter Film kostenlos: My Son, My Son, What Have Ye Done

Die erste Kooperation von Werner Herzog und David Lynch vereint die Qualitäten der beiden großen Regisseure. Der hochkarätig besetzte Thriller nach wahren Begebenheiten ist jetzt kostenlos und in ganzer Länge auf unserem Youtube-Kanal zu sehen.

18. März 2022

Die Besetzung allein hätte 2009 für Zungenschnalzen unter Filmliebhaber*innen sorgen können: Willem Dafoe, Michael Shannon, Chloë Sevigny, Udo Kier … einen solchen Cast bringst du als Cineast unwillkürlich mit einer Produktion in Verbindung, die man gesehen haben muss. Dennoch verblasste die Strahlkraft des Ensembles beinahe angesichts der geballten Aura der kreativen Köpfe, die hinter My Son, My Son, What Have Ye Done stehen: David Lynch produziert einen Film von Werner Herzog? Das klang und klingt schon beinahe unwirklich.

Liebes- oder Gottesbeweis? © Studiocanal

Liebes- oder Gottesbeweis? © Studiocanal

Dabei basiert die Geschichte des Films auf einer wahren Begebenheit. Ganz banal ausgedrückt: Ein Sohn ermordet seine Mutter. Doch bei dem Täter handelte es sich um einen hochtalentierten jungen Mann, Sportskanone mit künstlerischer Ader, dem als Tatwaffe ein antikes Schwert diente. Das ist der Stoff, aus dem Great American Novels gestrickt sind. Herzogs Psychothriller hält sich denn auch nicht lange mit Rätselraten auf, wer der Killer der Bluttat zu Beginn sein könnte. Detective Havenhurst, ein augenscheinlich mit allen Wassern gewaschener Detective, gespielt von einem mit allen Wassern gewaschenen Willem Dafoe, bekommt sehr schnell heraus, wer für die Ermordung von Mrs. Macallum (Grace Zabriskie) verantwortlich ist, und dass der Killer sich im Haus gegenüber verschanzt. Dort hält Brad zwei Flamingos als Geiseln, eigentlich sowohl seine Lieblings- als auch Haustiere, die er politisch ziemlich unkorrekt, und doch auf von ihm vermutlich liebevoll gemeinte Weise "tuntige Adler" nennt. Als verbliebener Kontakt zur Außenwelt nach der Tötung der eigenen Mutter mit dem Säbel erweist sich Brads Freundin Ingrid Gudmundson. Chloë Sevigny brilliert in der Rolle der realistischen Melancholikerin, der die Liebe zu jenem kaputten, toxischen, mörderischen Typen in Form von Informationen über dessen Werdegang und wankelmütige Disposition aus den Fingern rieselt. Erfahrungen, die sie mit Detective Havenhurst teilt, während die Zeit langsam abläuft.

Was könnte es bedeuten? © Studiocanal

Was könnte es bedeuten? © Studiocanal

Da lernen wir zum Beispiel, dass Brad überzeugt davon ist, dass Gott in der Küche wohnt. Und wenn der gottesfürchtige Brad für uns als Zuschauer*innen im Laufe der Geschehnisse komplett zum Menschen geworden sein wird, in all seinen Abgründen und Motivationen, und durch die Beziehung zu Ingrid, soviel ahnen wir, dann dürfte auch dem letzten Polizisten vor der Tür klar geworden sein, dass seine Geiseln bloß Federvieh sind.

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Werner Herzog findet bleibende, bewegende Bilder für die flüchtigen Ideen und festen Überzeugungen Brads, der von Michael Shannon in einer Mischung aus trotzigem Bub und psychotischem Irren gespielt wird. Ein Basketball in einer Baumkrone vor der Kulisse San Diegos steht für alle möglichen utopischen Träume und gleichzeitig für die Unberechenbarkeit des Schicksals schlechthin – selbst eine gute Geschichte kann die Willkür der Götter nicht unbedingt zähmen, denn für sie sind die menschlichen Einfälle nichts als Ideechen. Immer mal wieder beschleicht einem beim Zusehen das Gefühl, das Herzog und Lynch sich munter ausgetauscht haben, während die Dreharbeiten liefen, um das Beste aus ihren jeweiligen Perspektiven auf die Kunst des Filmemachens und Geschichtenerzählens herauszukitzeln.

Mythos und Legende © Studiocanal

Mythos und Legende © Studiocanal

So entstand ein leises Meisterwerk, in der die grenzüberschreitende Sinnsuche des Protagonisten – die so typisch ist für Werner Herzog und dessen Werk, wobei sie hier mit Peru auch einen seiner persönlichen Sehnsuchtsorte streift – unerbittlich in die Labyrinthe der menschlichen Seele und die Grauzonen des Geistes und des Glaubens hineinführt, für die wir David Lynch so lieben. Last not least: Udo Kier als Theaterregisseur, der die realen Verweise auf die griechische Mythologie ausbuchstabiert, bis auch der letzte kapiert hat, dass die Menschheit seit jeher selbst die Abgründe schaufelt, über die sie balanciert. Auch er trägt dazu bei, dass man My Son, My Son, What Have Ye Done lange im Gedächtnis behält und stets einen aktuellen Bezug darin erkennt.

WF

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