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Cahiers du Cinéma: Die vielen Seiten der Filmgeschichte

Im Mai vor 70 Jahren erschien die erste Ausgabe der wohl wichtigsten Filmzeitschrift überhaupt.

22. Januar 2021

Die aktuelle Ausgabe der Cahiers du Cinéma trägt die Nummer 772, die erste erschien im Mai vor 70 Jahren. Ihre Wurzeln haben die "Notizbücher" oder schlicht "Hefte" in der schnellen Entwicklung des Films zum kommerziellen Massenmedium. Ihr Vorläufer, die 1928 gegründete Zeitschrift La Revue du Cinéma verstand sich bereits als Ausdruck einer Gegenbewegung. Heute erscheint dieser Gedanke beinahe rührend. Also wenn man überlegt, welche Auswüchse Filmproduktionen erlangt haben, deren künstlerischer Wert sich allein am Einspielergebnis bemisst. Aber die Leidenschaft für das wahre Kino, die Kunst an sich, hat ebenfalls eine lange Historie, denken wir nur an die Auseinandersetzungen um die Erfindung des Tonfilms. Zugleich führte die wachsende Breitenwirkung von Kinofilmen nicht nur zum Verlust künstlerischer Sorgfalt – sondern zur Wahl des Unterhaltungsmediums als politisches Mittel zum Zweck. Die Entwicklung erreichte einen dunklen Höhepunkt durch Leni Riefenstahl, die im Dienste der Nationalsozialisten und deutscher Verbrechen ihr "Können" in Propaganda für das Schreckensregime ummünzte, auf deren handwerkliche Meisterschaft sie sich zeitlebens berief.

Die Verdammten der Filmwelt

Es schien also längst angebracht, Kino und Film theoretisch näher zu betrachten. Und die nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst wiederaufgelegte Revue verstand sich im Diskurs als Expertengespräch, nicht als Pausenhofdebatte. Fokus der Betrachtungen zur rasant voranschreitenden Angelegenheit Kino war die Zukunft des Films, so wie sie sich in der Gegenwart darstellte – die Avantgarde. Schreiben ist jedoch nur ein möglicher Teil der Rezeption. Das scheint längst klar in heutigen Zeiten, die Lichtspielhäuser vor immer neue Probleme stellen. Je mehr die profitorientierten Streamingplattformen florieren, umso deutlicher tritt zutage, dass es auch um das Zeigen der Filme geht. Zum Ende der Zeitschrift hin wurde von einem kleinen Kreis um Jean Cocteau das Biarritzer "Festival du film maudit" ins Leben gerufen. Es verstand sich als alternatives Modell der seit 1946 ausgetragenen Filmfestspiele von Cannes. Maudit bedeutet "verdammt". Den im Kampf um die öffentliche Aufmerksamkeit zum Scheitern verdammten Filmemacher*innen und ihren Werken – ihnen wollte man ein Forum geben, eine Stimme leihen, eine Chance zur Diskussion bieten. Der Jungsklub, der Schlange stand, um sich für die Sache zu zerreißen – und zu ihrem Wohle auch mal Machwerke zu verreißen – war schon recht lang. Im Dunstkreis des Festivals und der Nouvelle Critique tauchten Namen auf, die einige Jahre später die Nouvelle Vague auslösen und so das Kino auf links drehen sollten. Eric Rohmer, François Truffaut, Jean-Luc Godard, Claude Chabrol, Jean Douchet, Jacques Rivette. Bis dahin lag ein weiter Weg vor ihnen, doch von Biarritz an brauchte es bloß noch einen kleinen Schritt zur Gründung der Cahiers du Cinéma. 1951 war es soweit, die federführenden Redakteure der ersten Jahre hießen André Bazin und Jacques Doniol-Valcroze.

Zier der Nouvelle Vague: Godards "Außer Atem" © Studiocanal

Zier der Nouvelle Vague: Godards "Außer Atem" © Studiocanal

Die Hefte bildeten für die erwähnten Auteurs so etwas wie einen stepping stone, über den sie zu neuen Ufern gelangen konnten. Aus jetziger Perspektive mag es wohl kaum etwas Romantischeres geben als die Vorstellung Kette rauchender Intellektueller, die ein gedrucktes Magazin vollschreiben mit ihren eloquenten Überlegungen zum Filmemachen und -schauen. Für sie war es damals die einzig erträgliche Realität. Schreibmaschinen klapperten nun mit Filmprojektoren um die Wette, und die Erfindung tragbarer Tonbandgeräte ermöglichte den Franzosen außerdem die Aufzeichnung langer Interviews mit Kolleg*innen aus den USA und Italien. Es sind historisch wertvolle Gespräche, deren Prinzip der neugierigen Erforschung und zugleich respektvollen Betrachtung fremder Werke Francois Truffaut 1966 mit seinem Buch "Mr Hitchcock, wie haben Sie das gemacht" zur Vollendung brachte.

Die Spuren der Konjunkturen

Nun ja, Vollendung ist flüchtig– wer wüsste das besser als Filmemacher*innen, die eine Geschichte mit "Fin" beschließen und längst den Anfang der nächsten im Kopf haben. Nicht ohne uns im Abspann ausführlich vor Augen zu führen, welch kollektive Anstrengung zur Realisation jeweils vonnöten ist. Müßig also, heute einzelne Autor*innen oder nur die glorreiche Geschichte der Hefte in den 1950er und 60er Jahren hervorzuheben – auch wenn Emily Bickertons "Eine kurze Geschichte der Cahiers du cinéma" diesbezüglich zu empfehlen bleibt. Natürlich sind die Cahiers du Cinéma als Gesamtkunstwerk weder von inhaltlichem Relevanzverlust verschont noch von ökonomischen Ziehkräften des Marktes unberührt geblieben. Was lange währt, zeigt halt viele Facetten. Besonders spektakulär geriet die Übernahme im letzten Jahr durch ein Investorenkonsortium und der Rücktritt der gesamten Redaktion um den langjährigen Chefredakteur Stéphane Delorme. Drama gehört wohl einfach zur Kunst dazu – auch für die Avantgarde. Das macht die Lektüre nicht unbedingt weniger spannend.

WF

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