Messer im Kopf: Ganz hervorragend

Wie war das noch mal in den 1970er-Jahren in der Bundesrepublik Deutschland? Reinhard Hauffs Messer im Kopf zeichnet auf geniale Weise eine Art Sittenbild der damaligen Verhältnisse. Mit einem kongenialen Bruno Ganz in der Hauptrolle.

Filmgeschichten 15. Juli 2019

Man sagt über Stanley Donens Charade, es sei der beste Hitchcock-Film, den Hitchcock nie gemacht habe. Daran angelehnt ließe sich von Reinhard Hauffs Messer im Kopf behaupten, er könnte der beste Fassbinder-Film sein, der nicht von Fassbinder stamme. Allerdings tut man sowohl Donen als auch Hauff mit diesen Einschätzungen Unrecht, selbst wenn sie im Nachhinein als Kompliment gemeint sein mögen. Schließlich haben die beiden Filmemacher jeweils eigene Kunstwerke von ganz besonderem Wert geschaffen. Im Falle Reinhard Hauffs fallen einem unter anderem Die Revoite (1969) oder Die Verrohung des Franz Blum (1974) ein.

Das haben sich die Jugendlichen selbst aufgebaut – die Polizei macht es rücksichtslos kaputt

Warum man bei Messer im Kopf hier und da an Fassbinder denkt? Das Gesellschaftsdrama spielt halt in dieser aus dessen Filmen wohllbekannten 1970er-Jahre-Atmosphäre der Bundesrepublik Deutschland. Es war eine irgendwie gespenstische Zeit, als Polizei und Staat angesichts der terroristischen Bedrohung von links aufrüsteten und auch viele nicht-militante Leute ins Fadenkreuz der Behörden gerieten – weil man sie als Sympathisant*innen oder gleich als Terrorist*innen verdächtigte. Diese Jagd auf "Radikale" nahm aber eben nicht nur Fassbinder mit Die dritte Generation oder seinem Beitrag für Deutschland im Herbst konsequent aufs Korn.

Die gespenstische Ära der Katharina Blum

Alles beginnt mit einer Razzia in einem Jugendzentrum. Hauff lässt dem Publikum von Beginn an Raum, um sich selbst einen Reim auf die Ereignisse in den unübersichtlichen Räumlichkeiten zu machen. Ein "konspirativer" Treff von Jugendlichen? Ist es nicht schon ein Fall polizeilicher Willkür, wenn gegen diesen Rückzugsort für Minderjährige so vehement vorgegangen und dabei auch noch ein Mensch schwer verletzt wird? Im Erscheinungsjahr 1978 bot ein solches Filmszenario viel Diskussionsstoff. Erinnern wir uns nur daran, welchen Skandal Heinrich Bölls Erzählung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" und ihre Verfilmung durch Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta einige Jahre zuvor bereits provoziert hatten.

Messer im Kopf ist jedoch viel weniger ein moralisches Lehrstück oder eine politische Anklage als Bölls Geschichte. Die Nacht der Razzia lässt schon mehrere Deutungsmöglichkeiten zu, auch wenn die Haltung des Films klar zu erkennen ist. Am ehesten begeben sich Regisseur Reinhard Hauff und Drehbuchautor Peter Schneider auf ein ähnliches psychologisches Terrain, wie es dem Science-Fiction-Schriftsteller Philip K. Dick als Grundlage vieler seiner Storys und Romane diente. Durch äußere Einflüsse bedingt, weiß die Hauptfigur nicht mehr, wer sie ist – und taumelt durch die absurde und feindliche Welt, während sie im Inneren verzweifelt auf Wahrheitssuche geht.

Reinhard Hauff im Gespräch mit seinen Hauptdarsteller*innen Winkler und Ganz

Der Biogenetiker Berthold Hoffmann (Bruno Ganz) wird während der Polizeiaktion angeschossen – und verliert neben motorischen Fähigkeiten außerdem sein Gedächtnis. Diese Rolle ist nicht nur wie gemacht für den Schweizer Ausnahmeschauspieler, da sich Hoffmann im Leben erst wieder zurecht finden muss, so als wäre er ein Außerirdischer, der wie David Bowie als Der Mann, der vom Himmel fiel auf der Erde gelandet ist. Es stellen sich existenzielle Probleme: Wenn dieser Hoffmann gar kein Militanter war, wird er durch die Beschuldigungen nicht zu einem gemacht? Denkt Hoffmann nicht sogar, dass er radikaler hätte leben sollen, so wie man jetzt mit ihm umspringt, beziehungsweise: nun da die Demokratie ihr wahres Gesicht zeigt?

Eine spannende Frage – im Rückblick und angesichts des rechten Terrors heutzutage: War die Bundesrepublik in der zweiten Hälfte der 1970er tatsächlich auf dem Weg zum Polizeistaat? Andererseits darf man auch darüber nachdenken: Welches ist das wahre Gesicht des Berthold Hoffmann? Gerade die Fesselung der Figur durch die Verhältnisse stellt Bruno Ganz wie entfesselt dar. Daneben glänzt Angela Winker, die bis heute vor allem für ihre Verkörperung der bereits erwähnten Katharina Blum bekannt ist. Doch je mehr man sich in Reinhard Hauffs Messer im Kopf vertieft – übrigens mit einem exzellenten Soundtrack von Can-Ikone Irmin Schmidt –, desto weniger Bezüge bieten sich an, um ihn treffend zu beschreiben. Vermutlich ist es schlichtweg der beste Reinhard Hauff-Film, den Reinhard Hauff je gedreht hat.

WF

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