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Roman des Jahres 2025: Spurensuche im Herz der Finsternis

Dorothee Elmigers mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneter Roman "Die Holländerinnen" verknüpft True Crime, Werner Herzog und die Geister, die Fitzcarraldo rief.

27. Mai 2026

2014 verschwinden zwei jungen Frauen aus den Niederlanden im tropischen Regenwald von Panama während einer Wanderung auf dem El Pianista Trail. Für immer – jedoch nicht spurlos. Der tragische Fall von Kris Kremers und Lisanne Froon entwickelt sich auf Grund der rätselhaften Umstände zu einem der großen Internet-Mysterien der True Crime-Ära. Wochen nach ihrem Verschwinden wird in der Gegend ein Rucksack mit den Handys der Frauen, einer Digitalkamera und einigen weiteren Habseligkeiten gefunden. Die Auswertung der Handydaten samt den inzwischen "legendären" letzten Fotos der beiden wirft ebenso Fragen auf wie 90 Bilder auf der Digitalkamera, die Tage nach dem Verschwinden aufgenommen wurden – die meisten zeigen lediglich einen von Blitzlicht erleuchteten Nachthimmel, auf drei Fotos sind jedoch seltsame Dinge zu erkennen, die den geisterhaften Eindruck der Nachtbilder nur verstärken – etwa eine Nahaufnahme von Kremers' Haar. Diese Bilder sind längst Gegenstand zahlloser Spekulationen von Hobbykriminalisten und True-Crime-Podcasts. Am wahrscheinlichsten ist wohl die These, dass Kremers und Froon durch das Blitzlicht ein Signal absetzen wollten. Merkwürdig dennoch, dass diese "Fotosession" drei Stunden dauerte – geholfen hat sie den beiden nicht. Bei einer Suchaktion nach Auftauchen des Rucksacks werden im Regenwald schließlich verstreute Knochen gefunden, die als Überreste der Frauen identifiziert werden. Offiziell wird von einem Unfall als Todesursache ausgegangen.

Die Schweizer Schriftstellerin Dorothee Elmiger erhielt für ihr Werk "Die Holländerinnen" im vergangenen Jahr den Deutschen Buchpreis als Auszeichnung für den Roman des Jahres. Wie der Titel bereits andeutet, handelt es sich um eine literarische Beschäftigung mit dem Schicksal der ums Leben gekommenen Touristinnen, wobei sich Elmigers Text essenziell von reißerischen Untersuchungen oder Behauptungen über das vermeintlich Geschehene unterscheidet. Ihr Roman lässt sich als Referenz an Joseph Conrads Jahrhundertwerk "Herz der Finsternis" verstehen, allerdings fügt sie noch zahllose mehr oder weniger gespenstische Aspekte hinzu, was ihre dichte Prosa beim Lesen bald selbst als Wald erscheinen lässt, den man vor lauter Träumen nicht mehr sieht.

Im Mittelpunkt der Handlung von Elmigers "Die Holländerinnen" steht eine Autorin, die für einen Vortrag ihr Mitwirken an einem Theaterprojekt rekapituliert. Ein Theatermacher hatte sie als Teil eines Ensembles engagiert, um vor Ort für ein Stück zu recherchieren, das aus dem Rätsel um die Holländerinnen und seinen schaurigen Begleiterscheinungen künstlerisches Kapital schlagen soll. Dieser Theatermacher entpuppt sich als Bewunderer von Werner Herzog, dessen Idee von Direct Cinema und deren Umsetzung in Herzogs Regenwald-Filmen Aguirre, der Zorn Gottes sowie Fitzcarraldo ihn inspirieren. Auch Francis Ford Coppola zählt er zu seinen Idolen, wegen der performativen Wucht von Apocalypse Now. Die "Recherche" der von ihm gecasteten Theatertruppe im tropischen Regenwald auf den Spuren von Conrad, Herzog, Coppola, Froon und Kremers dürfte so manchen Filmfan nebenbei daran erinnern, dass die Dokumentarfilme über die Dreharbeiten von Fitzcarraldo und Apocalypse Now jeweils Werke eigenständiger Qualität sind, die denen der Kinoklassiker, von denen sie handeln, kaum nachsteht. Reise ins Herz der Finsternis – Hearts of Darkness von Eleanor Coppola und Die Last der Träume von Les Blank.

Elmigers dichte Prosa erscheint bald selbst als Wald, den man vor lauter Träumen nicht mehr sieht

Dorothee Elmiger lässt in ihrem fesselnden Roman offen, ob es jemals zu einer Theateraufführung des Panama-Projekts außerhalb des Regenwalds kommt – womöglich ist das Making of der Recherche in Wort, Bild und Ton schon das Stück selbst, Subtexte und Metaebene dessen Bühne, wir Lesenden sein Publikum.

Auch die halluzinatorische Wirkung, die man Elmigers "Die Holländerinnen" bescheinigen könnte, gemahnt an den Geist von Fitzcarraldo oder Apocalypse Now. Dafür sorgen unheimliche Geschichten, die sämtliche am Theaterprojekt Beteiligten einander unterwegs erzählen. Man kann dies als Gruppentherapie oder als kollektive Psychoanalyse lesen, oder die Storys als Lagerfeuer-Erzählungen gegen die Angst vor den latent anwesenden Gefahren der fremden Umgebung verstehen. Oder eben als Alpträume.

Ungeklärt bleibt neben so vielem anderen, wem die Erzählstimme des Romans gehört, die der Formulierung "vom Hörensagen" ganz neue Bedeutung verleiht. Mit Blick auf die Gesellschaft: Wem oder was wir noch trauen können, da wir von Narrativen geradezu belagert werden, nicht nur im Internet, beantwortet Dorothee Elmiger mit einer an wahre Begebenheiten und real existierende Filme und Bücher angelehnten Spurensuche, die zahllosen Assoziationen erst einen Weg durchs Dickicht der Spekulationen bahnt. Welch ein Text, der uns in seiner konsequenten Haltung und Präzision so manche Erkenntnis und zudem die sinnliche Erfahrung einer Gänsehaut beschert!

WF

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