Top 5: Am Pool

Exekutionen auf dem Ein-Meter-Brett, Freischwimmen zwischen Realität und Fiktion und Arschbomben mit Designersofa: Ein Kopfsprung in François Ozons Swimming Pool und weitere Dinge, die Sie zu Beginn der Freibadsaison gesehen haben sollten...

Listen, Listen, Listen 31. Mai 2019

1. Sonnenstich am Swimming Pool

Zugegeben: François Ozons Film mit Charlotte Rampling und Ludivine Sagnier hat uns auf die Idee für diese Liste gebracht. Denn schon das Coverfoto spielt mit den Erwartungen und Bildern, die jeder vor Augen hat, wenn er nur den Titel Swimming Pool hört. Wobei man hier eher sagen muss: jeder Mann (oder jede Frau, die auf wunderschöne blonde Frauen in schwarzen Bikinis steht, die sich am Pool sonnen). Wer genau auf das Filmposter schaut, sieht natürlich den Unheil andeutenden Schatten, der auf das Wasser fällt, aber Ozon lockt uns nur zu gern in eine Ästhetik, die an die Sonne Südfrankreichs, faule Nachmittag am Pool und gebräunte nackte Haut denken lässt, deren sonnenmilchfeuchter Schimmer die Gedanken erhitzt. In Ozons Geschichte um die britische Krimiautorin Sarah Morton, die in der Ferienvilla ihres Verlegers statt Ruhe zum Arbeiten, dessen lebenslustige Tochter Julie findet, stecken genau die richtigen Trigger für einen Erotikfilm, einen Krimi und auch für eine leichte Sommerkomödie. Ozon entscheidet sich jedoch für keinen dieser Wege und findet einen eigenen, der mit „Psychothriller“ nur unzulänglich beschrieben ist.

2. Schwimmbadexekution in Alphaville

Ja, richtig gelesen: Die „Schwimmbadexkursion“, die wohl jeder aus seiner Schulzeit kennt, ist hier nicht gemeint. Wir schauen uns an der Seite des Privatdetektivs Lemmy Caution (Eddie Constantine) und seiner Verbündeten Natascha von Braun (Anna Karina) tatsächlich die bizarren Exekutionen im Hallenbad von Alphaville an. So heißt der unheimliche, zynische, bisweilen bizarr komische Science-Fiction-Film von Jean-Luc Godard aus dem Jahr 1965 - und so heißt auch die futuristische Stadt darin, die von einem Supercomputer namens „Alpha 60“ beherrscht wird. Caution, eine Parodie der amerikanischen Film-Noir-Detektive, sucht hier nach einem vermissten Agenten und bringt Chaos in die verquere, aber überstrenge Logik von Alpha 60. Gerade mit Blick auf die aktuelle Diskussion um künstliche Intelligenz und die ersten Songs oder Kunstwerke, die von Computern erschaffen wurden, erfüllt einen diese Szene mit Unbehagen. Denn die Tode sind ein Spektakel: Vor den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt werden die Verurteilten auf dem Sprungbrett erschossen. Sobald sie ins Wasser fallen springen vier schöne Frauen ins Becken, um den Erschossenen entweder tot aus dem Wasser zu ziehen, oder ihn zu ertränken, falls er noch atmet. Das ist die von Alpha 60 ganz richtig erkannte Lehre, dass Schauwerte und Entertainment immer hilfreich sind, um vom Offensichtlichen abzulenken – schon erschreckend clever und eben keine Lösung, die sich ein Mensch ernsthaft hätte ausdenken können.

3. Einstimmung für Die Reifeprüfung

Zurück zum Leichten und zu einem der spektakulärsten Schnitte, die jemals in einer Poolszene vollzogen wurden. Dustin Hoffman lässt sich als Benjamin Braddock in Die Reifeprüfung von Mike Nichols bekanntlich durch sein sorgloses, junges Leben treiben und beginnt eine Affäre mit der älteren, verheirateten Mrs. Robbinson – was 1967 noch ein veritabler Skandal war. Erst als er später ihre Tochter Elaine kennenlernt und sich in sie verliebt, lernt er die Konsequenzen seines sorglosen Handelns und die emotionalen Verstrickungen dahinter. Der Pool der Braddocks ist dabei die etwas plakative Metapher dieses Schwebezustandes, den ein Sommer nach dem College-Abschluss so haben kann. In Verbindung mit der wundervollen Musik von Simon & Garfunkel braucht es kaum mehr als das blaue Wasser, eine Luftmatratze, hin und wieder eine Bierdose und Benjamins gechillten Blick, um dieses Gefühl beim Zuschauen auszulösen. In der berühmten Sequenz sieht man nun, wie Benjamin erst in den Pool springt, dann zur Luftmatratze krault und in dem Moment, in dem er auf sie gleiten müsste, stattdessen auf Mrs. Robinson landet. Was tust du da bloß, Benjamin? „I would say I am just drifting“.

4. Unerwünschter Besuch und A Bigger Splash

Cineasten wissen natürlich, dass der erotisch aufgeladene Thriller des Italieners Luca Guadagnino aus dem Jahr 2015 in Teilen auf Der Swimming Pool mit Alain Delon und Romy Schneider basiert. Der Titel nimmt Bezug auf einen weiteren Poolkenner der Popkultur – Maler David Hockney und dessen Bild A Bigger Splash. Die Geschichte rührt dabei an die Urängste eines jeden Wohlstandsurlaubers: Man ist in einer schönen, abgelegenen italienischen Villa mit Pool – und hat plötzlich unerwünschten Besuch im Haus, den man nicht so recht ausladen kann. In dieser Konstellation sind es Musikerin Marianne und ihr Liebhaber Paul, die sich in besagter Villa „verstecken“ und sich gemeinsam erholen wollen. Sie von einer Stimmband-OP, er von einer harten Entziehungskur. In diese Idylle platzen Ex-Marianne-Manager und -Lover Harry und dessen lasziv auftretende Tochter. Die persönlichen Verstrickungen, die gemeinsame Vergangenheit und die Hitze der Situation sorgen natürlich für die Eskalation, die man von Anfang an erwartet. Ein gelungener Kontrast zu den wunderschönen Kulissen und dem stets so friedlich schimmernden Pool – ein Film wie eine Urlaubspostkarte. Mit Leiche.

5. Anarchie im Alltag mit Tschick

Die Literaturverfilmung des Kultbuches von Wolfgang Herrndorf ist natürlich in erster Linie ein Roadmovie. Und da wird gefälligst in Seen geschwommen! Der Pool der Klingenbergs ist dennoch eine interessante Klammer. Ist er anfangs noch Kulisse für den langweiligen Alltag des Hauptcharakters Maik, wird er nach dem wilden Sommer mit seinem neuen Kumpels Tschick und Isa Schau- oder besser Spielplatz einer der schönsten Szenen aus Tschick. Kurz vor dem Ende des Films hat Maiks Vater sein wahres Gesicht gezeigt, während seine alkoholabhängige Mutter bis zum Ende ihr großes Herz beweist, das eben manchmal ein wenig vernebelt ist. Um noch einmal zu unterstreichen, dass der nur vordergründig friedliche Alltag als intakte Familie zu Ende ist, versenken Maik und seine Mutter fröhlich das Mobiliar im eigenen Pool. Genau das ist übrigens auch die Lieblingsszene des Maik-Darstellers Tristan Göbel. Er schwärmte damals bei den Dreharbeiten: „Meine Lieblingsszene war die mit meiner Mutter im Pool. Wir durften Möbel in den Pool werfen – das wollte ich immer schon mal machen. Am Ende lag auf dem Boden ein Spiegel und die Sonne schien ins Wasser. Das sah total cool aus!“ Stimmt.

Maik und seine Filmmutter versenken das Mobiliar und ihr altes Leben im Pool © Studiocanal

DK

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