Wenn wir am 27. Dezember nach Geburtstagen großer Filmstars suchen, stoßen wir auf die Namen Michel Piccoli und Timothée Chalamet (an), die just an diesem Tag geboren wurden – wenn auch im Abstand von genau 70 Jahren. Damit sind sie tatsächlich zwei bis drei Generationen voneinander entfernt, rücken einander aber näher durch die Jahrzehnte überspannende Community der Kinogänger*innen und Filmfans, für die sie jeweils eine große Bedeutung entwickelt haben. Gemeinsam ist ihnen zumindest auch die Multikulturalität ihrer Familien. Während der Franzose Piccoli italienische Wurzeln hat, ist es bei US-Amerikaner Chalamet die französische Note, die für das gewisse Extra sorgt – und die ihm möglicherweise seine große Reputation in der europäischen Filmszene verschafft hat, für die natürlich auch der Name Michel Piccoli steht.
Sowohl Piccoli als auch Chalamet sind überdies für ihre Arbeit mit großen Regisseuren bekannt, seien es Jean-Luc Godard und Alfred Hitchcock hier oder Luca Guadagnino und Denis Villeneuve dort – und beide verstanden und verstehen sich auf publikumswirksame wie auf künstlerisch wertvolle Rollen. Dass ein Timothée Chalamet heute nicht die Gelegenheit bekommt, in einem Meisterwerk wie Das große Fressen seine Klasse zu offenbaren – geschenkt! Dafür wäre Michel Piccoli im Gegensatz zu ihm als Bob Dylan-Darsteller eher ungeeignet gewesen. In der Interpretation des singenden Literaturnobelpreisträgers schlägt die ewig jugendliche Unbeschwertheit eines Timothée Chalamet wahrscheinlich doch die stets gesellschaftspolitisch konnotierte Präzision in den Verkörperungen des Charakterdarstellers Michel Piccoli, dessen Ausstrahlung man als die Manifestation bildungsbürgerlicher Attraktivität bezeichnen könnte. Wenn er den Verhältnissen in seinen Filmrollen etwas entegegensetzte, so war es eher die hohe Stirn, die er ihnen bot.
Michel Piccoli in Claude Sautets Meisterwerk "Die Dinge des Lebens" © Studiocanal
Welch ein schöner Zufall, dass Chalamet und Piccoli beide am 27. Dezember Geburtstag haben. Die 2020 verstorbene Kinolegende, die heute hundert Jahre alt geworden wäre und der jetzt 30-jähirge Shootingstar. Ein Wink des Schicksals, der uns vor Augen führt, welche Entwicklungen die Welt inner- und außerhalb des Films im letzten Jahrhundert genommen hat – und was zwei Menschen aus so unterschiedlichen zeitlichen Zusammenhängen miteinander gemeinsam haben können, wenn es ihr Beruf ist, sich in die Körper und Gefühle anderer Leute hineinzuversetzen. Und sollte es jemals ein Remake von Die Dinge des Lebens geben, der 1970 unter der Regie von Claude Sautet mit Romy Schneider und Michel Piccoli in den Hauptrollen entstand, dann wäre Timothée Chalamet die Idealbesetzung. Die Fahrradszene des Films jedenfalls könnte ihn dazu einladen, wie bei der Londoner Premiere des Dylan-Biopics A Complete Unknown auf dem E-Bike über den Roten Teppich zu brettern, womit er ein persönliches Zeichen im Kampf gegen die Klimakatastrophe setzte. Elan und Tiefgang – auch das verbindet die Geburtstagskinder.
WF