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Mein wunderbarer Waschsalon wirft Klischees in den Schleudergang

Das britische Filmdrama Mein wunderbarer Wachssalon von Stephen Frears aus dem Jahr 1985 jongliert auf faszinierend leichte Weise Themen wie Rassismus, Thatcherismus, Klassismus, Armut, Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und Homophobie. Nicht nur deshalb wurde der eigentlich für das TV-Programm produzierte Film ein Publikumshit unter jungen Engländer:innen. Hier kann man den Film in voller Länge auf YouTube schauen.

02. Februar 2026

Eines vorweg: Es ist keine Schande, erst im Abspann wirklich zu begreifen, dass man gerade die ganze Zeit Daniel Day-Lewis beim Prügeln, Feiern, Waschsalon-Renovieren und Knutschen zugeschaut hat. Irgendwie kriegt man das heute nicht mehr zusammen: Dieser Mr. Mad Method Acting, den man vor allem mit dem neurotischen Schneider Reynolds Woodcock (Der seidene Faden), dem skrupellosen Öl-Mogul Daniel Plainview (There Will Be Blood) oder dem inspirierenden, an Athetose leidenden Christy Brown (Mein linker Fuß) verbindet: Hier, im wunderbaren Waschsalon, driftet genau dieser Day-Lewis als melancholischer, anfangs mit Nazis abhängender, queerer Punk namens Johnny durch ein im Grundton graues London und wirkt dabei so locker und befreit, dass man überhaupt nicht kapiert, wen man dort vor sich hat. Ganz nebenbei hat er mit dem indisch-guyanisch-britischen Gordon Warnecke, der seinen alten Schulfreund Omar spielt, auch einige der zärtlichsten queeren Szenen, die in den 80ern im britischen Fernsehen zu sehen waren – zum Beispiel jene, als Johnny Omar bei einer Umarmung unerwartet am Hals leckt.

Aber hey, wer weiß, vielleicht hat Daniel Day-Lewis auch dafür einige Monate die Punkszene Londons infiltriert und studiert, während er sich tagsüber als Teil der Royal Shakespeare Company für die Rolle des Romeo in Romeo und Julia vorbereitete.

Aber worum geht es eigentlich in diesem Film, dessen Titel eher an ein Kinderbuch denken lässt? Mein wunderbarer Waschsalon dreht sich tatsächlich um einen Waschsalon, den der junge britisch-pakistanische Omar wieder fit machen will. Omar ist der Sohn eines pakistanischen Journalisten namens Hussein, der am Leben in England zerbrochen ist und inzwischen zwei Flaschen Wodka braucht, um durch den Tag zu kommen. Omars Mutter nahm sich auf den minütlich ratternden Bahngleisen neben dem Haus das Leben.

Hussein bittet seinen Bruder Nasser, Omar unter die Fittiche zu nehmen. Nasser ist ein auf den ersten Blick ein skrupelloser Karrieremensch und Patriarch. Nasser sagt: "Die Engländer hassen uns, man kann nichts anderes machen, als ihnen in den Arsch kriechen." Zuhause lässt er sich von seinen Töchtern und seiner Frau umsorgen, betrügt die Familie aber mit einer Engländerin – was vor allem die lebenslustige, freigeistige, älteste Tochter Tania ankotzt. Omars Cousin Salim, Nassers Sohn, kopiert das breitbeinige Auftreten seines Vaters, spielt den guten Sohn, dealt aber im großen Stil mit Drogen.

Nasser mit seiner britischen Geliebten © Kinowelt GmbH

Nasser mit seiner britischen Geliebten © Kinowelt GmbH

Johnny und Omar sind mehr als nur Freunde

Omar, der in den ersten Szenen ruhig und seinem Vater treuherzig helfend ist, wird immer mehr zum Teil der Familie seines Onkels und nimmt sich vor, es auf ähnliche Weise in England zu schaffen. Er überredet Nasser, einen abgeranzten Waschsalon, in dem Punks und Obdachlose rumhängen, aufzuhübschen. Das Geld dafür besorgt er, in dem er einen Drogendeal seines Cousins sabotiert. Dabei hilft ihm sein alter Jugendfreund Johnny, der inzwischen Teil einer rechten Skinhead-Clique ist, die in ihrer reichlich vorhandenen Freizeit gerne säuft und sich zum "paki-bashing" verabredet.

Man merkt schnell, dass Omars Fixierung auf Johnny und dessen Reaktion auf den jungen Mann nicht aus bloßer Freundschaft entstanden sind – und es wundert nicht, dass sich die beiden auf halber Strecke des Films auf sehr zärtliche Weise nahekommen, wie es schon damals in der Schule passiert ist. Die Beziehung der beiden ist aber nur einer von vielen Handlungsfäden und Volten, die Mein wunderbarer Waschsalon so wunderbar machen: Hier werden dutzende Themen und Klischeebilder in den Schleudergang geworfen und jeder Charakter hat meistens dann eine Überraschung in Petto, wenn man sich gerade eine Meinung über ihn gebildet hatte. Der Film spielt regelrecht damit, serviert uns Dialoge und Szenen, die gängige Klischees über zum Beispiel Einwanderung und Klassismus bedienen, und bricht sie dann mit großer Freude.

Nasser überreicht Omar die Schlüssel zum Waschsalon © Kinowelt GmbH

Nasser überreicht Omar die Schlüssel zum Waschsalon © Kinowelt GmbH

Drehbuchautor Haneif Kureshi: "Während ich schrieb, küssten sie sich..."

Mein wunderbarer Waschsalon ist aber nicht nur wegen seiner Handlung ein erstaunlicher Film. Er wirkt aus heutiger Perspektive zum Beispiel auch wie ein einziges Namedropping. Das fängt schon beim Drehbuch an: Geschrieben hat es Bestseller-Autor Haneif Kureshi nach seinem Theaterstück gleichen Namens, Jahre bevor er mit seinem Debütroman "Der Buddha aus der Vorstadt" literarischen Ruhm erlangen sollte. Kureshi, damals Anfang 20 und Sohn pakistanischer Einwanderer, wurde für das Drehbuch zu Mein wunderbarer Waschsalon sogar für einen Oscar nominiert – und lebte zugleich einer Londoner Sozialbauwohnung.

Kureshi schrieb viele Erfahrungen seines jungen Lebens in England im Drehbuch ein. In einem Interview mit der British Library erzählte er damals: "Ich hatte einen Onkel, der mich mit in seine Waschsalons nahm … weil er wohl dachte, dass es mit dem Schreiben wahrscheinlich nie etwas werden würde." Kureshi dachte aber auch strategisch: Er wusste, dass der Film auch und vor allem im TV funktionieren musste. Deshalb schrieb er ihn nicht als Drama, sondern als klassisches "Buddy-Movie" – ein Genre, das sich damals großer Beliebtheit erfreute.

Dem "Guardian" erzählte Kureshi im vergangenen Jahr in einem Interview zum 40. Jubiläum des Films: "Mein Vater hatte mich mit einem Freund der Familie namens Onkel Adi bekannt gemacht, der Autowerkstätten betrieb und Immobilien besaß. Er war ein kleiner Gauner. Er führte mich durch seine Waschsalons in der Hoffnung, dass ich sie für ihn leiten würde. Es waren verdammt schreckliche Orte; die Leute spritzten sich dort Drogen. Also dachte ich, ich schreibe über einen Typen, der einen Waschsalon betreibt. Dann dachte ich: Nun, er braucht einen Freund. Es könnte ein Buddy-Movie werden. Aber ich konnte mich nicht richtig darauf festlegen. Dann, während ich schrieb, küssten sie sich – und plötzlich schien alles einen Sinn zu haben. Jetzt war es sowohl eine Liebesgeschichte als auch die Geschichte eines Mannes, der ins Geschäft einsteigt."

Mein wunderbarer Waschsalon war außerdem die erste Produktion der 1983 von Tim Bevan und Sarah Radclyffe gegründeten Produktionsfirma Working Title Films Limited. Die beiden waren 1983 vom ebenfalls gerade neu gegründeten TV-Sender Channel 4 beauftragt worden, einen TV-Film zu produzieren. Der öffentlich-rechtliche Sender hatte sich als Ergänzung der drei bestehenden Sendern BBC1, BB2 und dem privaten Kanal ITV auf die Fahne geschrieben, eine echte Alternative zu sein, junge Kunst und Kultur abzubilden und die Geschichten britischer Minderheiten zu erzählen. Bevan und Radclyffe entschieden sich also für Haneif Kureshi und seine Geschichte über eine pakistanische Einwandererfamilie in einem London, in dem rechte Kräfte wie die National Front an Boden gewannen.

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Ein einziges Namedropping

Als Regisseur wählten Bevan und Radclyffe einen eher erfolglosen, aber BBC-erfahrenen Mann mittleren Alters namens Stephen Frears. Der war damals schon Familienvater, hatte den sicheren Weg einer BBC-Anstellung eingeschlagen und konnte nur wenige erfolgreiche Filme vorweisen. Kureshi schwärmte in einem gemeinsamen Interview mit dem "Guardian" über Frears Einfluss. "Stephen sagte mir: ‚Der Film muss ein bisschen dirty werden.‘ Das war ein großartiger Tipp. Das Schreiben über Rassismus war bisher ziemlich verkrampft und ernsthaft gewesen. Man sah Pakistaner oder Inder als eine benachteiligte Gruppe. Und hier hatte man diese unternehmerischen, ziemlich gewalttätigen, Godfather-ähnlichen Figuren. Er sagte mir auch immer wieder, ich solle es wie einen Western gestalten."

Für Stephen Frears wurde diese TV-Produktion zum ersten großen Kinoerfolg – und verhalf ihm zum Durchbruch. Eigentlich von Anfang an für das Fernsehprogramm geplant, organisierte man noch fix eine Kino-Premiere beim Edinburgh Film Festival. Die wurde dann so frenetisch bejubelt, dass der der Weg ins Kino auf einmal nahe lag. Auch die ersten Kritiken waren regelrechte Jubelarien. Derek Malcolm vom "Guardian", damals einer der angesehensten Kritiker des Landes, schrieb: "Das ist der Film, auf den wir alle gewartet haben." Frears drehte, beflügelt von diesem Überraschungserfolg in den Folgejahren Filme wie Gefährliche Liebschaften (1988), Die Queen (2006) und Philomena (2013), das Lance-Armstrong-Drama The Program (2015) oder The Lost King (2022). Mein wunderbarer Waschsalon wird heute vom British Film Institute zu den 50 besten britischen Dramen des 20. Jahrhunderts gezählt.

Einen letzten, spektakulären, weil doppelten Namedrop haben wir aber noch auf Tasche: Auch ein heute recht bekannter Filmmusikkomponist zeigte in Mein wunderbarer Waschsalon sein frühes Können. Der heißt nicht etwa Ludus Tonalis nach dem Klavierzyklus von Paul Hindemith, wie uns die Credits weiß machen wollen, sondern: Hans Zimmer. Der verbirgt sich nämlich mit dem britischen Komponisten Stanley Meyers (der u. a. mit Nicolas Roeg, Jerzy Skolimowski und Volker Schlöndorff arbeitete) hinter diesem Pseudonym.

Am Ende sollte man aber all diese erstaunlichen Namen beiseite wischen und sich ganz unbefangen auf diese wundervollen Film einlassen, bei dem man sich in vielen Dingen nicht sicher sein kann – außer bei einem: Er hat seinen Herz am rechten Fleck.

Daniel Koch

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