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ARTHAUS+: 30 Jahre Bis ans Ende der Welt

Auf unserem Amazon Prime Video Channel ARTHAUS+ gibt es schon über 200 Filme und Serien aus allen möglichen Genres. Neu im Programm: Wim Wenders’ futuristischer Trip um den Globus – und rund um den Sinn des Lebens. Ein grandioser Film, der 30 Jahre nach Erscheinen umso aktueller ist…

08. August 2021

20 Jahre nach ihrer ersten Kinofilmrolle in Wim Wenders’ Der Himmel über Berlin erlag Solveig Dommartin einem Herzinfarkt. 1961 war die französische Schauspielerin in Algerien geboren worden, 30 Jahre danach und 16 Jahre vor ihrem plötzlichen Tod setzte sie ein künstlerisches Zeichen für die Ewigkeit. Abermals unter der Regie von Wenders, mit dem sie die Science-Fiction und –Abenteuerfilm-Trilogie Bis ans Ende der Welt auch konzipiert hatte, übernahm sie die Hauptrolle der Claire Tourneur. Der Film von 1991 beginnt mit einem düsteren Endzeitszenario. Ein indischer Atomsatellit droht durch die Ozonschicht hindurch auf die Erde stürzen. Er kreise dort wie ein Raubvogel, heißt es. Offensichtlich fanden der ungebremste Fortschrittsglaube und die katastrophalen Auswirkungen des menschlichen Handelns für das globale Klima bereits im ausgehenden 20. Jahrhundert große Aufmerksamkeit (bloß wann haben wir in den Nachrichten den Begriff "Ozonschicht" das letzte Mal gehört?). Allein der Filmtitel Bis ans Ende der Welt ist anspielungsreich genug. So begibt sich Claire samt einigen interessanten Begleitern auf einen Trip, der sie nicht nur bis nach Australien sondern tief ins eigene Ich und bis auf den "Kontinent der Träume" führt. Der drohende nukleare Super-GAU legt jedoch nahe, dass im Grunde der Untergang der gesamten Zivilisation droht. Erst recht, als die Amerikaner sich einschalten und den Satelliten im All abschießen wollen – mit unkalkulierbaren Folgen. Wir befinden uns hier sozusagen in einem Übergangsstadium doppelter Ausprägung. Zum einen beschreibt Wim Wenders’ phantastische Geschichte die Transformation von den 1980er zu den 1990er Jahren, zum anderen ist die Handlung von Bis ans Ende der Welt im Jahr 1999 angesiedelt. So gerät Claire Tourneurs Tour zum Showdown des Jahrtausends – und zum Balanceakt auf der Schwelle eines Neubeginns. Für sie persönlich und für die ganze Menschheit.

Einmal um die ganze Welt… © (c) Wim Wenders Stiftung

Einmal um die ganze Welt… © (c) Wim Wenders Stiftung

Der Kontinent der Träume ist nicht die Rettung

Claires Reise startet in Venedig – aber auch die Zukunft hat bereits begonnen. In der Stadt der romantischen Liebe wandelt Claire durch ein retrofuturistisches Tohuwabohu voller Monitore. Ein bisschen so, als befände sie sich in einem MTV-Filmchen der Art-School-Postpunk-Band Talking Heads. Die war durch ihre coolen Videos auf dem US-Clipkanal Mitte der 80er zum international erfolgreichen Mainstream-Pop-Act avanciert und hatte darin auf subversive Art die schleichende Erkenntnis verarbeitet, dass man Fernsehwerbung kaum noch von Spielfilmszenen unterscheiden konnte – die Bilder schienen für sich zu sprechen aber täuschten das Publikum. Geistige Apokalypse pur? Der größte Hit der Talking Heads hieß bezeichnenderweise "Road To Nowhere". In Venedig läuft einer der letzten Songs, den die Band überhaupt als solche aufgenommen hat: "Sax & Violins". Auf den Bildschirmen dreht sich währenddessen der Kopf des Sängers David Byrne im Kreis. Ähnlich wie im Clip zu "Road To Nowhere" wird so die Vorstellung eines ohne Körper tanzenden Intellektuellen heraufbeschworen. Zeichen einer Form der bewussten Entfremdung von jeglicher "Natürlichkeit". Übrigens gab es die Gruppe zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht mehr, weshalb es gut vorstellbar wäre, dass sie sich extra für den Bis ans Ende der Welt-Soundtrack noch einmal zusammengerauft hat. So ein Angebot lehnt man schließlich nicht ab. An diesem Punkt seiner Karriere war Wim Wenders längst zu einem Fixstern der Pop-Avantgarde geworden. Kaum zufällig hört Claire unterwegs Lieder von Lou Reed, U2, Nick Cave, Peter Gabriel und vielen weiteren Stars aus seinem Freundeskreis. Wobei diese Stücke in der ersten Hälfte und zusammen mit dem Score von Graeme Ravell für die melancholische Anmutung eines Roadmovies sorgen, der nicht bloß über endlose Wege in die Häuserschluchten von Metropolen sondern durch die Abgründe der Zivilisation an sich führt. Am Ende der Welt gerät die Musik dann zur spirituellen Erfahrung.

…und die Taschen voller Geld… © Wim Wenders Stiftung 2015

…und die Taschen voller Geld… © Wim Wenders Stiftung 2015

Filmische Meditation über den Sinn des Strebens

Doch es liegen viele Kilometer auf der Straße ins Nichts vor uns damit die Musik endlich als Gebet statt als Produkt erklingen kann. Zeit ist in Bis ans Ende der Welt ein wichtiger Faktor. Der bedächtige Flow macht die Filmerfahrung zur Meditation über den Sinn des Strebens. Dabei kommt einem der Gedanke, Wim Wenders müsse seiner Zeit weit voraus gewesen sein. Vor allem, weil er das Projekt bereits seit Ende der 1970er Jahre im Kopf hatte. Doch Wenders realisierte erst Meilensteine wie Paris, Texas (1984) und Der Himmel über Berlin (1987) , bevor er die Mammutaufgabe anging. Ist das Publikum mit einer Story von solch Homerischen Ausmaßen nicht überfordert? Nun, David Lynchs Twin Peaks läutete ja Anfang der 1990er Jahre eine andere filmische Zeitrechnung ein. Heute sind "anspruchsvolle" Serienproduktionen längst die Regel, die Hinwendung eines Regisseurs von seinem Kaliber zur seriellen Form war damals aber noch eine Seltenheit. Und wie Lynch produzierte Wenders etwa zur selben Zeit mit den drei Teilen von Bis ans Ende der Welt zwar quasi eine Serie aber dennoch keine Serienkost die den herrschenden TV-Unterhaltungskriterien entsprochen hätte. Heute würde der Film vermutlich häppchenweise für einen Streamingdienst konzipiert werden – 1991 war Bis ans Ende der Welt als Gesamtwerk fürs Kino gedacht, wo er freilich in einer stark gekürzten Fassung lief. Mehr noch als Twin Peaks ist Bis ans Ende der Welt somit als künstlerischer Kommentar auf den Zeitgeist der Verselbständigung von Bildern, als ein Plädoyer für die große Kinoerzählung sowie als Aufbruch zu unerforschten Ufern zu verstehen. Epische Transzendenz über viele Stationen, der man zwar gemütlich mit einer Tüte Popcorn folgen kann, die aber Aufmerksamkeit und Geduld verlangt. Zusammengehalten wird das Episodenhafte von der Erzählerstimme aus dem Off. Sie gehört Claires ehemaligem Geliebten, dem von Sam Neill gespielten Schriftsteller Eugene Fitzpatrick. Am Ende des dritten Teils wird uns langsam ein Licht aufgehen, dass wir ihm als Zeugen lieber nicht trauen sollten. Dafür ist er einfach zu nah dran. Eugene liebt Claire und bleibt ihr während der Odyssee von Italien über Frankreich, Deutschland, Portugal, USA, Russland, China, Japan und Australien ganz dicht auf den Fersen. Aber er ist derjenige, der die Geschichte aufschreibt, weil er sie gleichzeitig erfindet. Damit sind auch all ihre Filmreferenzen und Unwahrscheinlichkeiten nachhaltig gedeckt.

…und den Kopf voller Gedanken… © Wim Wenders Stiftung

…und den Kopf voller Gedanken… © Wim Wenders Stiftung

Geld oder Liebe – und warum eigentlich nicht beides?

Das Schicksal ihres unkonventionellen Lebens nimmt Fahrt auf, als Claire in einen schweren Autounfall verwickelt wird. Sie kollidiert mit dem Wagen zweier Männer, die sich als Kriminelle entpuppen. In einer Tasche transportieren sie einen Haufen Geld, das sie beim Überfall auf eine Bank in Nizza erbeutet haben. Claire lässt sich auf einen Deal ein. Sie soll es nach Paris bringen, dafür bekommt sie einen Anteil, für den sie sich ein schickes Apartment kaufen möchte. Aber die Utopie der Sesshaftigkeit verblasst spätestens, als sie den mysteriösen Trevor McPhee alias Sam Farber trifft, den William Hurt mit stoischer Präsenz verkörpert. Die beiden verlieben sich ineinander und sind nun durch ein unsichtbares Band aneinander gefesselt – zwischendurch sind es auch mal richtige Handschellen, die man ihnen anlegt. Es beginnt eine weltweite Verfolgungsjagd, in deren Verlauf wir allmählich erfahren, dass Sam Bilder sammelt. Visuelle Eindrücke, die er dank einer technischen Innovation seines Vaters Henry der blinden Mutter vorspielen möchte. Imposant in deren Rollen: Max von Sydow und Jeanne Moreau. Jene High-Tech-Brille ist eines von unzähligen Zukunftsgadgets, die hier mit der Computer-Ästhetik der 1980er Jahre und der lebhaften Phantasie der 1990er Jahre auf die Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts verweisen. Diese Welt, deren Ende sich da abzeichnet, ist beinahe schon so smart wie unsere Gegenwart. Das stalinistisch gebrandete Überwachungsprogramm, das sich auch "1984"-Autor und "Big Brother is watching you!"-Schöpfer George Orwell nicht besser hätte ausdenken können, erinnert an heute alltägliche Ortungsdienste, von Bildtelefonie und Optionen bargeldlosen Bezahlens, deren Omnipräsenz aufblitzen, ganz zu schweigen. Thierry Flamand zeichnet für die grandiose Ausstattung und die „futuristischen Objekte“ verantwortlich, die Vision dahinter haben wir Wim Wenders und Solveig Dommartin zu verdanken. "Das Heute erledigt sich von selbst, aber wir müssen uns in unseren Träumen ein Bild von der Zukunft machen!" offenbart sich ihr Credo an einer Stelle in poetischen Worten.

…und das Herz voller Liebe. © Wim Wenders Stiftung

…und das Herz voller Liebe. © Wim Wenders Stiftung

Wem die Bilder gehören und was sie uns erzählen

Der letzte Teil von Bis ans Ende der Welt handelt dann von der Notwendigkeit, in einer aus den Fugen geratenen Welt die Kontrolle über die marodierenden Bilder nicht den falschen Mächten zu überlassen. Doch es gibt realere Gefahren. Die Spirale der Gewalt. Ein Attentat auf einen US-amerikanischen Botschafter hat nicht verhindern können, dass der indische Satellit abgeschossen wurde. Und so wähnen sich Claire und Sam in Australien als Teil einer kleinen Gemeinschaft von Überlebenden, die aus Sams Eltern, einigen Mitgliedern des Forschungsteams, einer Gruppe von Ureinwohnern, Detektiven, Agenten, Musikern und natürlich aus Erzähler Eugene besteht. Das äußere Tempo der Geschehnisse weicht dessen innerer Unruhe. Unermüdlich haut er auf die Tasten einer altmodischen Schreibmaschine, deren schlichte Symbolkraft inmitten der blinkenden und glänzenden zivilisatorischen Fetische körperlich spürbar ist. Und was Pygmäengesang in den Anfängen der Trilogie nur angedeutet hatte, tritt in den kollektiven Musikszenen des elegischen letzten Aktes deutlich zutage. Eine Besinnung auf das Ursprüngliche, das jedem technologischen Fortschritt innewohnt. Nachdem sich Claire in den vergangenen fast fünf Stunden in so ungefähr jedem denkbaren modernen Fortbewegungsmittel einem ungewissen Ziel genähert hatte, sehen wir sie zum Schluss von einem Raumschiff aus auf die Erde schauen. Es ist ein hoffnungsvolles Ende, für das sich Wim Wenders entschieden hat. Wo einst der Tod bringende Raubvogel im Orbit kreiselte, nimmt nun der hochqualifizierte Friedensengel Platz. Da begreift man wirklich, was Solveig Dommartin für diesen Film bedeutet. Es sind ihre Augen, durch die wir in ihm die Welt sehen, und es ist ihr Herzschlag, der uns die Hoffnung schenkt. Das ist kein Kitsch, nein, das nennt man eine Liebeserklärung an das Leben.

WF

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