Working Class Hero: Filme für den Tag der Arbeit

Von Rosa Luxemburg, über den Fließbandarbeiter Chaplin, bis zum kubanischen Landarbeiter und der viel zitierten Feststellung: "Acht Stunden sind kein Tag." Wir haben passend zum ersten Mai die Filme rausgesucht, die das Leid, das Leben, die Liebe und die Musik der arbeitenden Bevölkerung in den Mittelpunkt stellen.

Listen, Listen, Listen 30. April 2020

1.Rosa Luxemburg

Die 1919 ermordete Rosa Luxemburg war zeitlebens eine Verfechterin der Revolution durch die Arbeiterklasse. Von einer Avantgarde aus Partei-Funktionären hielt sie wenig, mit den moderater werdenden deutschen Sozialdemokraten überwarf sie sich. Luxemburg war 1914 gegen den Krieg. Sie stand auf der Seite des Proletariats. Militärische Auseinandersetzungen aus nationalistischen Gründen, bei denen sich Angehörige derselben Klasse als Feinde gegenüberstanden, konnte sie nicht gutheißen. Von Trottas Film mit Barbara Sukova in der Hauptrolle zeigt den Menschen in der Aktivistin und zeichnet die historischen Bedingungen nach, unter denen Luxemburg zur Ikone wurde.

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2. Brassed Off – Mit Pauken und Trompeten

"Willst du noch mit raufkommen auf einen Kaffee?" "Ich trinke keinen Kaffee." "Ich hab auch keinen da." Kleiner Fun-Fact am Anfang: Dieser Dialog zwischen Gloria (Tara Fitzgerald) und Andy (Ewan McGregor), dem Liebespaar des Films, wurde für das Intro eines Songs der Hamburger Punkband … But Alive! genutzt (und zwar im Song "Vom 3er"). Überhaupt stand die Love Story zumindest in der Werbung für die Tragikomödie von Mark Herman aus dem Jahr 1996 oft im Mittelpunkt, obwohl die politische Komponente mehr als eindeutig war. 1997 standen in England Unterhauswahlen an, die Krisen in britischen Bergbaustädten wurden immer offensichtlicher, und die Auseinandersetzung zwischen Eliten und Working Class wurden beinahe täglich geführt. Gloria, die sich in Andy verliebt, besiegelt das Schicksal jener Zeche, in deren Brass-Band sie spielt. Der Film schafft es dabei vor allem, all jenen Menschen ein Gesicht, eine Story, eine Stimme und ein Herz zu geben, die durch die harte Politik ihren Job verloren haben. Der größte Moment ist sicher die Rede des Bandleaders Danny am Ende des Films. Passt gerade heute besonders gut:

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3. Moderne Zeiten

Kaum jemand hat die Absurdität der Optimierung des industriellen Arbeitsprozesses und den monotonen Alltag der Fließbandarbeit so genial in Szene gesetzt wie Charlie Chaplin. Das alles in seinem Klassiker Moderne Zeiten von 1936. Ein Tramp in der Fabrik und das Phänomen der Massenarbeitslosigkeit. Chaplin zeigt das Besondere und das Allgemeine des Systems – zwischen Weltwirtschaftskrise und Erstem Weltkrieg. Etwa die Unmöglichkeit der Selbstverwirklichung des Einzelnen unter den Bedingungen ihrer Ausbeutung zum Zwecke des Profits. Der dann wiederum nicht allen sondern nur ein paar Wenigen zugute kommt. Das wird bis heute diskutiert. Und Krisen kennen wir auch noch…

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4. Buena Vista Social Club

Man darf weiterhin darüber streiten, ob Wim Wenders' Film über den Buena Vista Social Club den Fokus nicht ein wenig zu sehr auf Ry Cooder setzt – jenen berühmten amerikanischen Gitarristen, der 1996 mit seiner Reise nach Kuba und dem daraus entstandenen Album die inzwischen legendären Musiker ins internationale Rampenlicht brachte. Wenders begleitete Cooder sozusagen bei dessen Rückkehr einige Jahre später, um den da schon grassierenden Hype noch einmal mit viel Respekt filmisch zu begleiten. Trotzdem passt es perfekt zum – auch in Kuba sonst mit großen Demos und Kundgebungen gefeierten – 1. Mai, sich noch einmal die wundervolle Musik von Ibrahim Ferrer, Compay Segundo, Omara Portuondo, Rubén González, Eliades Ochoa und eben Ry Cooder anzuhören und anzuschauen. Ein perfekter Soundtrack, denn schon "Chan Chan" das erste und vielleicht erfolgreichste Stück vom "Buena Vista Social Club"-Album, erinnert an das harte Leben und dei Träume der kubanischen Landarbeiter.

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5. Acht Stunden sind kein Tag

Einige Jahre bevor Rainer Werner Fassbinder sich an die Verfilmung von Döblins Berlin Alexanderplatz machte, schrieb und drehte er eine "proletarische Fernsehserie". Aber von der üblichen TV-Kost war er da schon weit entfernt. In seinem Fünfteiler Acht Stunden sind kein Tag geht es um die ganz banalen Probleme der Arbeitswelt im Industriebereich und um das Schicksal einiger Werkzeugmacher. So werden hier – kurz vor dem realen "Gastarbeiterstreik" bei Ford im August 1973 – unter anderem herrschende Vorurteile gegen Migrant*innen sichtbar, außerdem geht es um Mitbestimmung in Betrieben oder das Problem nicht bezahlbarer Mieten. Kommt Ihnen irgendwie bekannt vor? Aktuell ist die Geschichte allemal, im Fernsehen würde sie heute aber wohl nicht mehr laufen.

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6. Sie leben!

Vielleicht nicht die offensichtlichste Wahl, aber wer den inzwischen kultisch verehrten Trash-Verschwörungs-Alien-Film Sie leben! von John Carpenter genauer vor Augen hat, merkt schon, dass der Regisseur auch und vor allem die soziale Komponente im Blick hat. Die langen Szenen unter den Obdachlosen belegen das zum Beispiel, ebenso die verfallenen Häuser, durch die sich manchmal gekloppt wird, der Gang des arbeitslosen "Helden" John Nada zum Arbeitsamt, der Konsumrausch – all das verband Carpenter mit den sogenannten "Reaganomics". Eine Wirtschaftspolitik, die auf Kosten der Sozialsysteme die Reichen noch reicher machte – mit der Prämisse, dass davon ja auch der Pöbel irgendwann etwas hätte. In einem Interview zum Jubiläum des Films sagte Carpenter einmal: "Ich dachte damals viel über die Werte nach, die Ronald Reagans konservative Revolution beeinflussten. Die Leute waren von Habgier und Geld besessen." Das ist ja gar nicht so weit von diesem bekannten Rosa-Luxemburg-Zitat entfernt: "Die Dividenden steigen, und die Proletarier fallen."

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7. Das Kapital im 21. Jahrhundert

Auf der Basis von Thomas Pikettys Weltbestseller Das Kapital im 21. Jahrhundert erklärt Justin Pemberton in seinem Dokumentarfilm die Schwächen des modernen Kapitalismus. Wer auf Grund des Titels ein Marx-Update erwartet dürfte je nach Sichtweise enttäuscht oder heilfroh sein. Der französische Ökonom Piketty, der hier selbst zu Wort kommt, ist kein Revolutionär – die Gesellschaft aber will er dennoch grundlegend reformieren. Eine rosige kapitalistische Zukunft, die für alle lebenswert wäre? Sieht er nicht. Dafür den "Sozialstaat für das 21. Jahrhundert" und andere Realo-Utopien. Gerade jetzt ein Must-See.

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DK; WF

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