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Wim Wenders wird 75: Immer on the road

Wim Wenders’ Werk trägt eine eigene Handschrift, die ihm den Ruf des wichtigsten deutschen Regisseurs der Nachkriegszeit und die Bewunderung vieler anderer Künstler*innen einbrachte. Wir gratulieren herzlich zum 75. Geburtstag und empfehlen den Dokumentarfilm Wim Wenders – Desperado , der zu seinem Geburtstag in der ARD zu sehen ist – sowie den ARTHAUS Back-Katalog seiner großen Werke.

Persönliches/Aus gegebenem Anlass

14. August 2020

Wer würde nicht mal gerne durch einen Film von Wim Wenders laufen? Als Zuschauer*in beschleicht einem beim Genuss seiner Werke ja oft das Gefühl, tief in die Geschehnisse miteinbezogen zu sein. Es mag an der Grundhaltung des 1945 in Düsseldorf geborenen Multitalents und passionierten Geschichtenerzählers liegen: Erzählen sei für ihn nur legitim, erklärt er in dem Dokumentarfilm Wim Wenders – Desperado, wenn man am Anfang nicht wisse, wie und wo die Sache enden werde. So nah am Leben gebaut sind seine artifiziellen und doch wahrhaftigen Filmkonstruktionen, dass sich das Publikum endlich mal im richtigen Film wähnt und es dem Künstler mit Zuneigung dankt. Die großen kommerziellen Erfolge seiner an Höhepunkten reichen Karriere wie Paris, Texas, Der Himmel über Berlin oder Buena Vista Social Club seien ihm geschenkt worden, stapelt der Charismatiker dagegen tief. Lakonisch bis schwärmerisch – letztlich aber bestimmt und eindringlich. Ein Ton, der ihm eigen ist, und in dem er an einer anderen Stelle ergänzt: So wie man überhaupt beim Filmemachen selbst viel zurückbekomme – vom Film eben. Bescheidenheit ist eine Zier, dennoch schleicht sich in diese Aussagen übers künstlerische Selbstverständnis unbewusst ein gewisses Understatement. Wenders’ Erfolge sind nämlich keineswegs Zufall, sondern der emotionalen und intellektuellen Vielschichtigkeit seines sensiblen Tuns geschuldet. Genau das lernen wir aus Desperado, für den neben Eric Friedler auch Campino von den Toten Hosen als Co-Regisseur verantwortlich zeichnet.

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Die beiden schickten Wenders für ihre Hommage tatsächlich durch seinen eigenen Film – und buchstäblich in die Wüste. Wie Harry Dean Stanton zu Beginn von Paris, Texas steht Wenders nämlich im Niemandsland des US-amerikanischen Westens und trinkt den letzten Schluck Wasser aus einem Kanister. Aber anders als die verschwiegene Stanton-Figur hat dieser Mann gleich einiges zu erzählen. Ja, die Liebe, mit der Wenders in Desperado über das Kino spricht, wird eigentlich nur übertroffen von dem spürbaren Glück, sich dieser Kunst beinahe schon ein ganzen Leben lang gewidmet zu haben – seit den ersten Bildern, die er als Junge nach dem Umzug ins Ruhrgebiet mit der 8mm-Kamera machte. Einen kleinen Vorgeschmack auf spätere Erwartungshaltungen anderer dürfte er bekommen haben, als sein Vater ihm erklärte, er könne alles filmen, außer den hässlichen industriellen Bauten vor der Haustür. Aber mit ihnen hatte der junge Wenders, der natürlich selbst am besten wusste, was zu filmen ist, schon das Gegenbild zu den weiten Räumen Amerikas vor der Linse, die er weidlich erkundete, als er sich endlich auf den Weg gemacht hatte – der Filmemacher aus Berufung. Aber Wim Wenders hat viele Interessen und ist auf diverse Weisen ein Sammler von Eindrücken. Zur Vorbereitung von Paris, Texas fuhr er nach eigenem Bekunden monatelang die Highways entlang und schoss tausende von Fotos. Für den Film waren deren konkrete Motive letztlich unerheblich, doch Wenders hatte sich ein Gefühl für die Farben der Landschaft verschafft. Viel wichtiger noch: Er konnte sich nun emotional auf diese ganz eigenen Locations einlassen.

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Wenn man sich auf einen Wim Wenders-Film richtig einlässt, dann lebt man für dessen Dauer in einer magischen Welt. Zahlreiche prominente Wegbegleiter und Bewunderer berichten in Desperado davon, wie diese Welt entsteht. So wie Wenders einen Film als Puzzle aus verschiedenen Kunstformen und den Eigenschaften der an seiner Produktion beteiligten Persönlichkeiten sowie den Charakteristika der Orte der Handlung wie etwa Lissabon in Lisbon Story begreift, so vervollständigen Werner Herzog, Willem Dafoe, Patrick Bauchau, Rüdiger Vogler, Francis Ford Coppola oder Andie MacDowell für uns das Bild des Regisseurs, der sich selbst als »Workaholiker« bezeichnet – und seines Werks, das ständig im Werden und Wachsen begriffen ist. Eine faszinierende Geschichte mit einem offenen Ende. Seine Filme sind so wie Wim Wenders. Eigentlich immer on the road.

Wim Wenders, Desperado läuft am Freitag, den 14. August um 23 Uhr in der ARD und ist danach innerhalb der ausführlichen ARD Werkschau anlässlich Wim Wenders Geburtstag digital zu sehen.

WF

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