Fitzcarraldo: Dschungelfantasien...

Ein Film, viele Geschichten: Werner Herzog, Klaus Kinski, das Schiff im Dschungel und zahlreiche Mitwirkende, die zum Äußersten bereit sein mussten.

Drehmomente 29. Juni 2019

Wenn in einem Spielfilm ein Flussdampfer über einen Berg im Dschungel gezogen wird, muss die Tricktechnik ausgefeilt sein, damit dies realistisch in Szene gesetzt werden kann. Umso phantastischer wirkt alles, wenn es sich gar nicht um einen Spezialeffekt handelt – und stattdessen eine Schicksalsgemeinschaft aus über tausend Menschen eine Schneise in den Urwald schlägt, um das Unmögliche wahr zu machen. In der griechischen Mythologie laufen die Argonauten im Laufe ihrer langen Reise auf Grund. Da packen alle Gestrandeten mit an und schleppen das Schiff zurück zum Wasser. Man denkt unvermittelt an diese Geschichte, wenn man Werner Herzogs Fitzcarraldo (1982) schaut, in dem der exzentrische Visionär Brian Sweeney Fitzgerald eine Oper inmitten des Amazonasgebiets errichten will und den Flussdampfer über einen Bergrücken ziehen lässt, um Kautschuk an Stromschnellen vorbei zu transportieren. So will er die Finanzierung des Projekts gewährleisten.

Aber wie ist der Filmemacher damals nur auf diese verrückte Idee gekommen? Hat er sich bei den Erzählungen aus der Antike bedient? Oder an die eigenen Anstrengungen gedacht, Budgets auf die Beine zu stellen? Zu Beginn von Les Blanks Dokumentarfilm Die Last der Träume (ebenfalls 1982) erklärt Herzog, dass er sich von wahren Begebenheiten inspirieren ließ und die Geschichte ihn an den Mythos des Sisyphos erinnere. Im Folgenden wird dann allzu deutlich, wie viele bizarre Storys hinter der Entstehung von des Films stecken. Jegliche Suche nach Bedeutung verblasst angesichts des Staunens über die Entstehung dieses Wunderwerks – auch deshalb will man Fitzcarraldo immer wieder erleben.

Klaus Kinski nimmt es als Fitzcarraldo mit Natur und Menschen auf © STUDIOCANAL

Mordgedanken und die Last der Träume

Den Wunsch nach einer Wiederholung des Fitzcarraldo-Erlebnisses dürfte unter den am Dreh Beteiligten allerdings kaum jemand teilen. So berüchtigt wie der Film selbst sind die Auseinandersetzungen und Katastrophen, die ihn begleiteten. Fitzcarraldo war der vierte von insgesamt fünf Arbeiten, in denen Regisseur Werner Herzog und Hauptdarsteller Klaus Kinski ihre spezielle Beziehung einer intensiven Zerreißprobe unterzogen. In dem Dokumentarfilm Mein liebster Feind geht es um diesen Dauerclash ihrer Egos, wobei Herzog allerdings im Vorwort zur Blu-ray-Edition seiner gesammelten Kooperation mit Kinksi schreibt: "Dass zwischen uns eine Hassliebe bestanden habe, ist glatt falsch. Ich selbst habe ihn weder geliebt, noch gehasst, und bei ihm war der Hass immer nur Pose." Doch jeder weiß, dass Kinskis Posen äußerst furchterregend sein konnten.

Heute gehört es zur Mythenbildung um Fitzcarraldo, dass die indigenen Komparsen dem Filmemacher anboten, seinen Star umzubringen, damit er niemanden mehr tyrannisieren könne. Die Last der Träume bietet noch eine ganz andere Perspektive auf das schwierige Verhältnis zwischen Herzogs Crew und den Einheimischen. Herzog und Produzent Walter Saxer kamen Ende der 1970er-Jahre nicht in eine heile Welt, als sie den Dschungel bereisten. Im Grenzgebiet zwischen Ecuador und Peru gab es militärische Scharmützel und die Ureinwohner drohten zwischen den Fronten aufgerieben zu werden. Man missbrauchte sie nicht nur als billige Arbeitskräfte; bereits in Die Last der Träume wird das allmähliche Vernichten ihrer Heimat durch großflächige Rodungen festgestellt. Zudem herrschte unter ihnen keine Einigkeit. So gab es von einigen Seiten Bestrebungen, eine Zusammenarbeit mit dem Fitzcarraldo-Team zu boykottieren. Den Europäern wurde sogar Kannibalismus vorgeworfen, um das zu erreichen. Werner Herzog wirkt pikiert, als er vor der Kamera Blanks zu den "Lügen" Stellung nimmt. Dennoch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass manche Vorbehalte selbst für ihn nachvollziehbar gewesen sein müssen. Die Dreharbeiten waren monströs. Eine deutsche Zeitschrift titelte: "Die Herzog-Horror-Picture-Show". Er ließ sich nicht beirren.

Herzogs Kampf gegen Windmühlen und mit Kinski

Werner Herzog schrieb rückblickend, dass seine Aufgabe und die der Figur "identisch" geworden seien. Man fühlt sich an Terry Gilliams Schwierigkeiten bei der Verfilmung von "Don Quijote" erinnert. Wie Gilliam verlor auch Herzog seinen ursprünglichen Hauptdarsteller: Jason Robards musste wegen einer Krankheit das Set verlassen. Doch für Herzog kam es noch dicker. In einer wichtigen Nebenrolle war Mick Jagger vorgesehen, in Die Last der Träume ist er schon an der Seite von Robards zu bewundern. Doch Verpflichtungen mit den Rolling Stones hinderten Jagger daran, diese Szenen später mit Kinski noch mal neu zu drehen und den Film fertig zu stellen. Es war zu viel Zeit für die Dreharbeiten draufgegangen. Herzog strich die Rolle des Sidekicks daraufhin komplett aus dem Skript, weil er der Überzeugung war, dass niemand Mick Jagger ersetzen könne. Eine Entscheidung, die letztlich dazu beigetragen haben dürfte, aus Fitzcarraldo eine One-Man-Show von Klaus Kinski zu machen.

Über zwei Jahre zogen sich die Dreharbeiten zu Fitzcarraldo hin, dann war nicht nur der Dampfer über den Berg. Während dieser Zeit wurde ein peruanischer Mitarbeiter von einer Giftschlange gebissen und musste sich mit einer Motorsäge den Fuß abschneiden, um zu überleben, heißt es. Am Schluss des Films treibt das Schiff führerlos durch die Stromschnellen. Ähnlich wie Francois Truffaut Alfred Hitchcock einst fragte "Wie haben Sie das gemacht?" möchte man Herzog fragen, wie diese spektakulären Szenen entstanden sind. Die Antwort klingt unglaublich: Sechs Freiwillige aus der Crew unternahmen jenen riskanten Trip auf dem taumelnden Schiff – ein Abenteuer gegen das die Reise der Argonauten aus der Antike wie der Ausflug einer Kindergartentruppe in den Zoo wirkt. Es spricht für die Entschlossenheit Herzogs, dass er sich selbst unter den Todesmutigen befand. Wenn man heute nach der Bedeutung Fitzcarraldos sucht, dann fällt einem deswegen zuerst die Besessenheit ein, mit der Herzog die Verwirklichung seiner Idee verfolgte. Ein gewisser historischer Kontext ist zudem nicht unwichtig. Der deutsche Film steckte damals in einer Krise, so die vorherrschende Meinung. Manche Filmkritiker wollten in Fitzcarraldo eine Metapher für dessen katastrophalen Zustand erkennen. Das Erscheinungsjahr 1982 ist zu allem Überfluss das Todesjahr Rainer Werner Fassbinders. Sein Tod war eine echte Katastrophe.

WF

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