Michel Piccoli: Mit den Waffen eines Mannes

Am 12. Mai 2020 ist der große französische Charakterdarsteller verstorben. Eine Würdigung.

Filmgeschichten 22. Mai 2020

Michel Piccoli wurde berühmt durch Filme, in denen er ruchlose Gangster oder exaltierte Großbürger verkörperte. Davor spielte der 1925 in Paris geborene Mann des Theaters mindestens einmal den Vertreter eines Milieus, aus dessen Blickwinkel Gangster und Großbürger beinahe prinzipiell in eins fallen: den Kommunisten Maurice Rouger in Kurt Maetzigs DEFA-Produktion Ernst Thälmann – Führer seiner Klasse. Auf Deutsch drückte dieser Rouger darin eben jene widerspenstige Haltung aus, die ihm Piccoli zudem mit fast jugendlich störrischer Körpersprache verlieh: "Wir könnten so gut wie Brüder leben." Eine Überzeugung, die den Revolutionär Rouger allerdings von typischen Hollywood-Rebellen unterscheidet, wie sie James Dean oder Marlon Brando verkörperten. Das war 1955, und die Internationale wurde in Wirklichkeit bloß noch auf einer Seite des Eisernen Vorhangs gesungen. Für Michel Piccoli jedoch eröffnete sich eine neue Bühne. Er stand am Beginn einer großen internationalen Karriere als Kinoschauspieler.

Mit Brigitte Bardot

1956 wirkte Michel Piccoli als Pater Lizardi in Luis Buñuels Pesthauch des Dschungels mit und stand kurz darauf für die französische Kooperation mit den Babelsberger Studios, Die Hexen von Salem, vor der Kamera. Als Ganove sah er sich fünf Jahre später Jean-Paul Belmondo gegenüber – in Jean-Pierre Melvilles Der Teufel mit der weißen Weste. Der Durchbruch kam 1963 mit Jean-Luc Godards Die Verachtung. Hier deutete sich bereits an, dass der wandelbare Piccoli seinen Figuren umso mehr Charakter verleihen konnte, je abgründiger sich diese mit einer Frau an der Seite auseinandersetzten. Heute assoziiert man Piccoli vor allem mit den Filmpartnerinnen Romy Schneider und Catherine Deneuve. Godard hetzte allerdings Brigitte Bardot und ihn aufeinander – in einer Welt, die einerseits scharf zwischen Kino und Realität unterschied, in der andererseits jedoch alle Grenzlinien zu verwischen drohten. Schließlich geht es in Die Verachtung um eine Filmproduktion, in der sogar der echte Fritz Lang mitwirkt. Die Ohrfeige, die Piccoli der Bardot verpassen muss, ist so künstlich und echt zugleich wie der rote Alfa Romeo, die Designersofas und die Villa am Meer.

Mit Romy Schneider

Schicke Requisiten und Kulissen, legendär schnodderige Dialoge und dazu die respektlose Behandlung der Ikone Brigitte Bardot – selbstverständlich "in character" – sowie eine unvergessliche Szene mit Hut in der Badewanne. Piccoli hatte seinen Ruf als verwegener Typ weg und spielte fortan sowohl mit ihm als auch gegen ihn an. Von ähnlichen Schicksalen können viele Schauspieler*innen berichten. Aber für Piccoli gab es nie einen Anlass zur Klage. Er drehte mit den größten Regisseur*innen und Kolleg*innen. Claude Sautet verdankt er allein zwei legendäre Auftritte neben Romy Schneider. Auf sie war Piccoli erstmals 1966 in Jean Chapots Schornstein Nr.4 getroffen. Da mühte er sich als treu liebender Mann um die seelische Gesundheit von Romy Schneiders tragischer Figur, die mit dem von Hans-Christian Blech gespielten Pflegevater um ihr leibliches Kind stritt. Um diese schicksalhafte Begegnung zwischen Piccoli und Schneider herum gruppieren sich Piccolis Arbeiten mit Buñuel (Tagebuch einer Kammerzofe), Costa-Gravas (Mord im Fahrpreis inbegriffen), Agnès Varda (Die Geschöpfe) und Jacques Demy (Die Mädchen von Rochefort). Sautets Die Dinge des Lebens und Das Mädchen und der Kommissar gehören aber wohl zu jenen Klassikern, an die man nicht nur als ausgesprochene*r Freund*in des französischen Kinos am ehesten denken muss, wenn der Name Michel Piccoli fällt. Vielleicht noch an Francis Girods Schwarze Komödie Trio Infernal, ebenfalls mit Romy Schneider.

Er brauchte nicht viele Worte

1970 glänzte Piccoli als Pierre Bérard in Die Dinge des Lebens. Der gut betuchte und verheiratete Architekt ringt um seine Freiheit und erkennt spät, dass er sich nur die Freiheit wünscht, weiterhin mit der von Romy Schneider gespielten Lebensgefährtin Hélène zusammen zu sein. Die Handlung dreht sich in Rückblenden um Bérards Autounfall, dessen Ablauf an das tödliche Unglück James Deans erinnert und in verschiedenen Sequenzen und in Zeitlupe wiederholt wird. Halbtot im Graben liegend lässt der Mann sein Leben Revue passieren. Dabei erinnert er auch verpasste Gelegenheiten. Sautet wollte mit seinen Filmen "Geschichten erzählen, ohne zu lügen" – und ließ seine Schauspieler*innen das Drehbuch mit ein paar zündenden Momenten zum Leben erwecken. So bleiben sie im Gedächtnis, die Szenen, in denen Romy Schneider nach den richtigen Worten suchend an der Schreibmaschine sitzt oder in denen Piccoli vor dem Unfall im Auto sitzend tausend Gedanken auf ein paar wenige Gesichtsausdrücke herunterbricht. Eine Mimik, die eben Geschichten erzählt, ohne zu lügen. Ganz ohne Worte.

Mit Catherine Deneuve

In dem ein Jahr später entstandenen Das Mädchen und der Kommissar verbindet sich die Meisterschaft der drei Hauptbeteiligten – Sautet, Piccoli, Schneider – zum Psychodrama der Extraklasse. Hier gibt Piccoli zwar keinen Gangster oder Großbürger sondern einen leichenblassen Polizisten. Aber Max’ Methoden erinnern an die eines Verbrechers. Bloß sind sie moralisch so stark aufgeladen, dass es beinahe folgerichtig zur Katastrophe kommen muss. Romy Schneider als Prostituierte aus den Reihen einer Kleingaunerbande geht ihm auf den Leim. Sie lässt sich von Max als Lockvogel zum großen Coup anstiften. Sowohl hinter ihrer grellen Schminke als auch unter Piccolis bleicher Fassade brodelt es. Könnten sich die beiden ineinander verliebt haben? Als Höhepunkt des Films spiegelt Sautet Godards Badewannenszene. Hier ist es Romy Schneider, die den Hut aufhat. Natürlich gibt ein weiteres Highlight, im Showdown, aber schauen Sie sich den Film lieber selbst an.

Mit Hut

Verachtung für jede Form des bürgerlichen Glücks, das unterhalb der hoch getragenen Nase eines elitären Lebemannes liegt. Sie durfte Piccoli dann in Buñuels Belle de Jour verkörpern. Eine noch deftigere Performance des ausschweifenden Lebens lieferte er für Marco Ferreris Das große Fressen. Alfred Hitchcock schneiderte den höchsteleganten Cold-War-Thriller Topas offenbar vollkommen um Piccolis spätes Erscheinen als Bösewicht herum, Claude Feraldo ließ ihn in Themroc die Mauern der alltäglichen Welt mit ganz und gar unkonventionellen Mitteln und unverständlichen Lauten einreißen. Viele Worte brauchte er tatsächlich in keiner seiner Rollen, um mit den paar Waffen, über die ein gewöhnlicher Mann verfügt, die vielen Schwächen seiner außergewöhnlichen männlichen Figuren zu überdecken. Auf der Leinwand konnte er komisch sein, monströs, sensibel, charmant, verletzend. Noch in späteren Filmen wie Eine Komödie im Mai. Und bis in die 2010er-Jahre. Am 12. Mai ist Michel Piccoli im Alter von 94 Jahren gestorben. Wir ziehen den Hut vor seinem Werk.

WF

Filme zu diesem Thema

Weitere Artikel zum Thema

Kategorien

Arthaus Stores

Social Media