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Filmverlag der Autoren: Mut zum Risiko

Vor 50 Jahren unterzeichneten 13 Filmemacher den Gesellschaftervertrag des Filmverlags der Autoren. Ein historischer Moment eines legendären Schöpfungsprozesses. Durch ihn entstanden zahlreiche Autorenfilme, die bis heute zu den herausragenden Werken der deutschen Filmgeschichte zählen.

22. April 2021

Die 1960er Jahre waren eine bedeutende Zeit in der Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland. Politisch, künstlerisch, gesellschaftlich. Die Verbrechen des Nationalsozialismus hatten zunächst ein Tabu geschaffen. Die Kriegsgeneration hüllte sich in Schweigen über die Zeit von 1933 und 1945, und es dauerte bis zum Heranwachsen ihrer Kinder, bis die unangenehmen Fragen lauter wurden. Heute sind die so genannten 68er im Grunde schon ein Mythos, in den alles Mögliche hineinprojiziert wird. Doch die Bewegungen, die sich im Aufbruch befanden und mittlerweile eher eindimensional zusammengefasst werden, waren eigentlich vielfältig. Dazu gehörten auch Filmemacher*innen, zu jener Zeit hauptsächlich männliche, die sich mit den Konventionen des bundesdeutschen Nachkriegskinos ("Opas Kino") unzufrieden zeigten. Sie wollten dort wieder anknüpfen, wo das deutsche Kino 1933 aufgehört hatte, verstanden sich zum Teil als künstlerisches Sprachrohr der jüngeren politischen Strömungen – und waren beeinflusst von italienischem Neorealismus, (New) Hollywood sowie angefixt von der Nouvelle Vague. Als Auteurs sahen sie sich für alle Belange ihrer Filme verantwortlich, von der ersten Idee bis zum letzten Schnitt. Aber die Umstände passten nicht recht zu diesen Ambitionen. Es gab kaum Strukturen, die für Finanzierung und Vertrieb solcher Produktionen sorgten. Es hieß also, die Produktionsmittel selbst in die Hand zu nehmen.

Gründungsmitglied Wim Wenders © Wim Wenders Stiftung

Gründungsmitglied Wim Wenders © Wim Wenders Stiftung

Die 13 Initiatoren des Filmverlags der Autoren schritten vor fast genau 50 Jahren zur Tat. Am 18. April 1971 setzten folgende Filmemacher ihre Namen unter den Gesellschaftervertag: Hark Bohm, Michael Fengler, Peter Lilienthal, Hans Noever, Pete Ariel, Uwe Brandner, Veith von Fürstenberg, Florian Furtwängler, Thomas Schamoni, Laurens Straub, Wim Wenders, Hans W. Geissendörfer und Volker Vogeler. Es gab bereits Vorbilder. Wim Wenders erklärt im Vorwort des ausführlichen Booklets der Filmverlag der Autoren Edition mit 50 Werken aus der turbulenten Geschichte des Filmverlags: "In Frankfurt hatten sich die Autoren und Theaterschriftsteller selbst organisiert (...) und hatten den Verlag der Autoren gegründet mit dem wunderbaren 68er-Slogan: 'Der Verlag der Autoren gehört den Autoren des Verlags.'" Von einem solchen Ausgangspunkt schien es den Regisseuren wohl nur einen Katzensprung bis zur Verwirklichung der Idee, die Welt könne eines Tages ebenfalls ihnen gehören. Auch wenn die Filmverlag-Gründer "arm wie Kirchenmäuse" waren, so Wenders. In den folgenden Jahren – viele davon äußerst fruchtbar und von unschätzbarem Wert für die bundesdeutsche Kinogeschichte – machten die Filmschaffenden die schmerzliche Erfahrung, dass ein Kollektiv, zumal ein künstlerisches, sowohl davon profitieren als auch darunter leiden kann, wenn es aus starken Individualisten besteht.

Edith Clever in Peter Handkes "Die linkshändige Frau" © Wim Wenders Stiftung

Edith Clever in Peter Handkes "Die linkshändige Frau" © Wim Wenders Stiftung

Natürlich ließen sich auch die Verhältnisse nicht wegdiskutieren oder durch gute Drehbücher und Inszenierungen mal eben so ändern. Man könnte es sogar wie folgt ausdrücken: Während Filme wie Thomas Schamonis Ein großer graublauer Vogel, Michael Fenglers und Rainer Werner Fassbinders Warum läuft Herr R Amok?, Uwe Brandners Ich liebe dich, ich töte dich, Werner Herzogs Aguirre, der Zorn Gottes, Hark Bohms Tschetan, der Indianerjunge, Wim Wenders’ Alice in den Städten, Fassbinders Angst essen Seele auf , Bernhard Sinkels Lina Braake, Volker Schlöndorffs Der Fangschuss, Rudolf Thomes Das Geheimnis oder Reinhard Hauffs Die Verrohung des Franz Blum – um nur einige zu nennen – die Gesellschaft aus verschiedenen Perspektiven auf der Leinwand spiegelten, sezierten, porträtierten, begannen die gesellschaftlichen Mechanismen im Zusammenspiel mit persönlichen Befindlichkeiten die Gruppe auseinander zu dividieren. Die unterschiedlichen Erfolge der Filmemacher, ihre verschiedenen Fähigkeiten, sich selbst als Teil eines Ensemble zu begreifen anstatt es nur zu dirigieren und manches mehr… – es braute sich eine explosive Mischung zusammen, aus der allerdings einige der heute noch interessantesten und wirklichkeitstreuesten deutschen Filme entstanden. Vor allem, weil darin Kunst und Realität gleichberechtigt wichtig waren und Schwäche zu Stärke umgedeutet wurde.

Jürgen Prochnow in Reinhard Hauffs "Die Verrohung des Franz Blum" © Studiocanal

Jürgen Prochnow in Reinhard Hauffs "Die Verrohung des Franz Blum" © Studiocanal

Der Slogan des Filmverlags der Autoren lautete: "Unsere Stärke ist unsere Schwäche für starke Filme." Treffender kann man kaum beschreiben, wie man sich im kollektiven Prozess der Realisierung einer künstlerischen Vision verwundbar macht – nämlich indem man die wunde Stelle zum Ausgangs- und Fluchtpunkt erklärt. In diesem Fall die vollkommene Hingabe ans Kino. Heile Welt hatte im Programm des Filmverlags der Autoren derweil keinen Platz, Stichwort "Opas Kino", lieber realisierte man zum Beispiel Peer Rabens Adele Spitzeder: Als "Engel der Armen" war jene Adele Spitzeder in den 1870er-Jahren tatsächlich in Bayern bekannt gewesen. Die gelernte Schauspielerin räumte den "kleinen Leuten" großzügige Kredite ein, ohne irgendeine Ahnung vom Bankgeschäft zu haben. Als sie nach nur knapp drei Jahren in Zahlungsschwierigkeiten geriet, wurde sie verhaftet und das ganze Ausmaß ihrer "Dachauer Bank"-Geschäfte deutlich.
Letztlich ist auch das Filmgeschäft, nun ja, ein Geschäft. Diesbezüglich gab es im Filmverlag der Autoren wenig Ahnung, dafür herrschten hehre Ideale: eingespielte Gewinne sollten je zur Hälfte an den Filmverlag und den jeweiligen Filmemacher ausgezahlt werden. Ein Kompromiss zum Wohle aller. Einige der Filmemacher veröffentlichten auch dann noch beim Filmverlag, als sie von anderen Verleihen mehr Geld bekommen hätten. Die wirtschaftliche Lage des Unternehmens war dennoch dauerhaft prekär. Heftige interne Diskussionen sowie eine mitunter naive Herangehensweise an Businessfragen brachten da kaum Stabilität.

Ab 1974 Teil des Kollektivs: Rainer Werner Fassbinder © Rainer Werner Fassbinder Foundation

Ab 1974 Teil des Kollektivs: Rainer Werner Fassbinder © Rainer Werner Fassbinder Foundation

Über die frühen unabhängigen Jahre zwischen 1971 und 1977 hinaus und bis in die Nullerjahre dieses Jahrhunderts: Der Filmverlag der Autoren hat eine bewegte und fortwährend spannende Historie. Kommerzielle Filme, unkommerzielle Filme, einfache Filme, komplizierte Filme und ihre spannenden Hintergründe – im bereits erwähnten Begleitbuch zur Filmverlag der Autoren Edition von ARTHAUS etwa kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus, ohne auch nur einen der 50 enthaltenen Filme gesehen zu haben. Und danach staunt man erst recht. Über den künstlerischen Wagemut, die formalen und inhaltlichen Experimente sowie über deren ungebrochenen Unterhaltungswert.

Natürlich zahlten manche der Beteiligten mit schmerzvollen Wunden für den kollektiven Mut zum Risiko. War diese Geschichte es wert, ist sie womöglich gar wiederholbar? Dazu noch mal die Gedanken von Wim Wenders: "Nur diesem Filmverlag der Autoren in seinen wenigen Jahren von Authentizität und Pioniergeist ist es zu verdanken, dass es diesen historischen Neuanfang in der deutschen Film-Kunst und -Industrie gab, und dass sich das Neue Deutsche Kino einreihen darf in Film-Ären wie den italienischen Neorealismus und die französische Nouvelle Vague. Ob so was heute noch mal ginge? (Lass ich hier mal als Frage und Aufforderung stehen ...)."

WF

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