Das mit dem Kultstatus ist ja immer so eine Sache. Das Wort "Kult" wurde in den letzten Jahren im Fernsehen, in der Werbung und im Sprachgebrauch dermaßen inflationär gebraucht, dass man es kaum noch hören kann. Dennoch gibt es nun mal popkulturelle Artefakte – Platten, Lieder, Filme, Serien – die sich das Prädikat "Kult" redlich verdient haben. Und damit wären wir bei den aktuellen Neuzugängen bei ARTHAUS+ …
Fangen wir mit dem offensichtlichsten Film an: Pulp Fiction ist ja nun wirklich "Kult" und hat zudem eine kultähnliche Fanschar versammelt – was für den Regisseur Quentin Tarantino ebenso gilt. Hier können wir uns eine knackige Inhaltsangabe wohl sparen. Pulp Fiction schauen die meisten längst ziemlich textsicher. Bei bestimmten Szenen wird gar im Chor mitgesprochen, wenn man den Film zusammenschaut. Oder aber man tanzt mit, wie bei dieser Szene:
Dieser Film war schon Kultfilm, bevor sich der Begriff überhaupt durchsetzte. Außer Atem, den echte Nouvelle-Vague-Jünger natürlich im Originaltitel À bout de souffle nennen, war zuallererst aber auch eine Provokation des etablierten Kinos. Jean-Luc Godards erster Langspielfilm, nach einer Geschichte von François Truffaut, ist eine ebenso kunstvolle wie verschmitzte Hommage an den US-amerikanischen Film noir, die zugleich das Tempo des zeitgenössischen Kinos erhöhte. Bis heute verliebt man sich dabei immer wieder an den damals debütierenden Jean-Paul Belmondo und die fantastische Jean Seberg.
Die Coen-Brüder haben ebenfalls einige Kultfilme in ihrem Oeuvre – dieser hier dürfte einer der grimmigsten davon sein. Kein Wunder, ist ja auch die Romanvorlage von Cormac McCarthy, ein brutaler, schwerer Brocken. Dass dieser moderne Western so dermaßen intensiv ist, liegt zu großen Teilen an einem mehrfach prominent eingesetzten Bolzenschussgerät und am diabolischen Spiel von Javier Bardem, der als Auftragskiller Anton Chigurh mindestens so furchteinflößend ist wie dessen Frisur.
Regisseur Derek Cianfrance hatte in den Nuller- und Zehnerjahren einen Lauf. Schon sein zweiter Film Blue Valentine begeisterte und bewegte viele Menschen. The Place Beyond the Pine schaffte das ebenso – und ist ein wichtiger Meilenstein in der Kultwerdung des Ryan Gosling. Der spielt hier den Motorrad-Stuntman Luke, der irgendwann den Blinker in Richtung "schiefe Bahn" setzt und Banküberfälle begeht – obwohl, oder gerade weil er erfahren hat, dass er Vater geworden ist und eigentlich Verantwortung übernehmen sollte.
Cianfrance erzählt das Schicksal von Luke und den Menschen um ihn herum auf einzigartige Weise und wirft ein erzählerisches Netz, das 15 Jahre einfängt und sich dabei langsam zusammenzieht. Neben Gosling ist auch der übrige Cast fantastisch besetzt mit Bradley Cooper, Eva Mendes, Ray Liotta, Rose Byrne, Dane DeHaan und Mahershala Ali.
Ryan Gosling zum Zweiten – in einer seiner ungewöhnlichsten Rollen. Was bei seiner Filmographie durchaus was heißen will. Das tragikomische Drama Lars und die Frauen erzählt aus dem Leben des Außenseiters Lars (Ryan Gosling). Der ist ein in sich gekehrter Einzelgänger, der im Haus seines Bruders Gus (Paul Schneider) und dessen schwangerer Ehefrau Karin (Emily Mortimer) lebt. Unter Menschen wagt er sich nur selten und eine Frau kennenzulernen ist ihm quasi unmöglich. Doch dann bestellt er sich im Internet eine lebensechte Sexpuppe und stellt sie seiner Familie als im Rollstuhl sitzende Brasilianerin Bianca vor. Während Gus und Karin sich daraufhin immer mehr Sorgen machen und sogar Psychologin Dagmar (Patricia Clarkson) hinzuziehen, scheint Lars geradezu aufzublühen.
Dass ein Film mit dieser Prämisse 2007 zum Publikums-Darling werden konnte, liegt nicht nur Gosling und an der Regie von Craig Gillespie, sondern auch und vor allem am Drehbuch von Nancy Oliver, die an zahlreichen Folgen der Kultserie Six Feet Under – Gestorben wird immer mitgeschrieben hat.
Lars und die Frauen heute noch einmal zu schauen, bringt einen auf interessante Gedanken: Der feministische Diskurs um den Film ist spannend nachzulesen und wird noch spannender, wenn man Lars’ Verhalten in den Kontext von Incels und Pseudo-Alphamännern setzt. Auch die haben ein gestörtes Verhältnis zum weiblichen Geschlecht, nur kompensieren sie es nicht so wholesome, wie es am Ende Lars gelingt. Wobei man sagen muss: Dass Lars aufblüht, liegt am Ende eben nicht nur an der Puppe namens Bianca und seine Projektionen darauf, sondern an all den Frauen in Lars Umfeld, die sich um ihn kümmern und seinen Emotionen so viel Raum geben.
Gibt nicht wenige, die auch diesem Film oder ihrem Hauptdarsteller Kultstatus attestierten. Peaky Blinders-Schöpfer Steven Knight inszenierte 2013 ein modernes Kammerspiel, das sich ganz auf Tom Hardy konzentriert. Er spielt Ivan Locke: ein vordergründig guter, hart arbeitender Ehemann und Vater, der sich plötzlich einen untypischen Fehltritt leistet, der sein ganzes Leben zu zerreißen droht. All das kracht in einer Nacht zusammen: Ivan setzt sich dabei ins Auto, beginnt eine Wettfahrt gegen die Zeit und Tempolimits und versucht in einer Serie von Telefongesprächen, das Fundament seines Lebens vor dem Kollaps zu retten.
Ein gewagtes, filmisches Experiment, das sich zum Glück nicht als solches anfühlt: Obwohl man nur ein Auto, ein Gesicht und ein Telefon begleitet, ist man volle 85 Minuten gefesselt. Stockholm-Syndrom mit Tom Hardy quasi – aber das klingt doch ganz verlockend …
Hollywood ist immer gut, wenn es um recht straighte Heldengeschichten geht. In dem Drama Flight von Robert Zemeckis mit Denzel Washington in der Hauptrolle traut man sich aber, diese ein wenig zu brechen. Washington spielt darin den Piloten Whip Whitaker. Als sein Passagierflugzeug abstürzt und es scheinbar keine Rettung gibt, erringt er mit einem waghalsigen, aber zum Glück erfolgreichen, Manöver die Kontrolle zurück. Er schafft eine Notlandung und rettet viele Menschenleben. Whip wird als Held gefeiert, denn jeder weiß: Niemand außer ihm hätte das Flugzeug landen können. Doch dann wirft die Untersuchung des Crashs ein neues Licht auf den Lebensretter. Whip hat etwas zu verbergen. Unangenehme Fragen werden gestellt und er muss sich entscheiden: zwischen der Lüge, mit der er seinen Ruf rettet, oder einer schmerzhaften Wahrheit, die viel Mut erfordert.
Dieses Drama mit der wundervollen Charlotte Rampling ist der erste Teil von François Ozons Trilogie über die Trauer, (es folgten Die Zeit die bleibt und Rückkehr ans Meer). Marie und Jean, verheiratet, machen gemeinsam Urlaub an der Küste. Bei einem Strandbesuch verschwindet Jean spurlos und die Suche nach ihm bleibt erfolglos. Seine Frau möchte den Verlust zunächst nicht wahrhaben, selbst dann nicht, als sie eine neue Beziehung eingeht und der Tod ihres Mannes bewiesen werden kann.
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DK